Das Vaterland ruft

Das Vaterland ruft.

 

So schrecklich klang mir nie ein Laut ins Ohr, wie damals am 31. Juli der Wirbel der Trommel, der die Verhängung des Kriegszustandes verkündete. Unheimlich schlichen die Stunden, verzehrend gähnte der Tag. Bis endlich am 1. August das Furchtbare Gewissheit, das ungeheuerliche Ereignis ward. Wie Sturmvögel kamen die ersten Unheilsboten von der Sendlingergassen und ihre Schreckensbotschaft eilte ihnen voraus. „Krieg! Krieg! Krieg! Der Kaiser hat mobil gemacht!“

Von der Schriftleitung der „Münchner neuesten Nachrichten“ verbreitete sich der Ruf des Schreckens um 06:00 Uhr abends in jede Gasse, jedes Haus, jeden Hof und sprang doch geschäftig weiter wie ein verheerend Lauffeuer. Sie alle hatten es erwartet und konnten es doch nicht fassen, so sieh es hörten. Man dachte seiner Freunde und Blutsverwandten, die für Bayern und Reich streiten und reiten sollten.

Dann aber verschlang jeden das Hochgefühl vaterländischer Begeisterung, das hinter der Botschaft einher wogte, alles schloss sich dem Zuge an, durch die Wein- und Dienerstraße stürmte die Menge zur Residenz. Im Hofgarten staute sich das Volk und wartete in erhobenem Schweigen seines Herrn und Königs. Da wurden Rufe laut, der König sei im Wittelsbacher Palast. Die Menge strömte dorthin und huldigte dem Monarchen, der seine Rührung kaum meistern konnte.

Am Sonntag 2.8. vereinigte sich ganz München zur Mittagsstunde vor der Feldherrnhalle zu einer einzigartigen vaterländischen Kundgebung. Alles, was an edlen Leidenschaften im Menschen wohnt, schien sich loszulösen. Was da an Melodien, Soldatenweisen und begeisterten Worten zum Himmel drang, klang wie ein hohes Lied deutsche Stärke, deutsche Zuversicht. Es war ein Fest der Verbrüderung, für viele ein letztes Abschiednehmen. Manch einem schüttelte ich die Hand, der übers Jahr in fremder Erde ruhte. Mit klingendem Spiel, im flotten Marschschritt der Wachtparade zogen diesmal die Münchner zum Wittelsbacher Palast. Der König erschien mit seiner Familie auf dem Balkon, begeistert umjubelt, und rief sein Volk auf zu treuem Festhalten an Kaiser und Reich in schwerer Stunde. Wenn aber Unglück uns heimsuchen sollte, müsse das Volk um so treuer zusammenstehen. Wieder sah ich manches Auge schimmern im feuchten Glanze deutscher Tränen.

So schal, so wertlos war mir noch nie mein Schaffen und Können erschienen wie in den ersten Mobilmachungstagen. Was half jetzt all das gelehrte Wissen. Jeder Bauernbursche und Handwerksgeselle, der sich auf Soldaten Handwerk verstand, nützte dem Vaterland mehr, als eine ganze Gelehrtenzunft. Jeder Blick, der auf mir haften blieb, schien vorwurfsvoll zu fragen: „Bist du nicht auch draußen?“ So dachte und fühlte in jenen Tagen wohl jeder deutsche Mann, der gleich mir nicht gedient hatte.

Vor dem Wehramt staute sich der Zustrom der Kriegsfreiwilligen. Münchens zweiter Bürgermeister Dr. Merkt trat auf den Balkon und hielt eine Ansprache. Spontan antworteten die Freiwilligen mit dem deutschen Trutzlied „die Wacht am Rhein“.

Die meisten jener Freiwilligen sind wenige Wochen später mit dem Listregiment ins Feld gezogen.

Dr. Fridolin Solleder