Der Sturm auf Ypern. Freiwillige vor!

Der Sturm auf Ypern. Freiwillige vor!

Von Major der Landwehr Franz Rubenbauer

Die Aufstellung des Regiments

Der im August 1914 glänzend begonnene Vormarsch der deutschen Heere durch Belgien und Nordfrankreich kam anfangs September durch das Misslingen der großangelegten Angriffsschlacht an der Marne zum Stehen. Der deutsche rechte Flügel, der den entscheidenden Stoß führen sollte, hatte nicht genügend Kräfte zur Umfassung; er geriet in Gefahr, von Paris aus flankiert zu werden, und die notwendige Folge war der Abbruch der Marneschlacht und der Rückzug der Deutschen an der Aisne.

Damit wuchs der Mut und wuchs das Selbstvertrauen Frankreichs; hatte es doch zum erstenmale seit einem Jahrhundert wieder einen Waffenerfolg deutschen Heeren gegenüber zu verzeichnen. General Joffre entschloss sich zum Gegenangriff. Dieser scheiterte vor den Verteidigungsstellungen der Deutschen und Ende September lagen beide Heere festverbissen sich gegenüber, ohne Boden zu gewinnen.

Inzwischen waren französische Divisionen, die gegen Italien aufgestellt waren, frei geworden, denn Frankreich hatte Gewissheit, dass Welschland nie auf Seite seiner Gegner kämpfen werde. Mit diesen Verstärkungen gedachte es einen Vorstoß gegen unseren rechten Flügel zu führen, um die deutsche Stellung vom Meer her aufzurollen. Wollte Deutschland dieser Gefahr begegnen und nicht auf den Sieg überhaupt verzichten, so musste es den Gegenangriff an der gleichen Stelle in Aussicht nehmen. Dazu bedurfte man aber neuer Kräfte. Aus der Front konnten nur wenige Divisionen ausgespart werden; die Transportwege nach dem rechten Flügel waren langwierig und hinter dem Rücken lag noch unbezwungen die belagerte Festung Antwerpen.

So reifte der Entschluss zur Aufstellung einer neuen Armee, mit der man nach dem Fall von Antwerpen mit voller Kraft zwischen der Meeresküste und Lille vorstoßen und den Feind an seinem linken Flügel fassen wollte.

In Deutschland waren Reserve, Landwehr und der gediente Landsturm bereits unter die Waffen gerufen. Dagegen standen, da im Frieden die Aushebung zum aktiven Wehrdienst im Verhältnis zur Bevölkerungszahl nur gering war, starke Massen von Ersatzreservisten zur Verfügung. Zudem rief allerorten die nicht wehrpflichtige Jugend nach Einstellung in die Armee als Freiwillige, um an der Verteidigung des Vaterlandes teilzunehmen.

„Um die überschüssige Volkskraft nutzbar zu machen“, entschloss sich die Regierung im August 1914, zur Bildung von Freiwilligen-Formationen in allen deutschen Kontingenten aufzurufen. Und welchen Widerhall fand dieser Ruf! Zu Tausenden strömten sie heran; alle Volksschichten und Altersklassen, alle Berufs- und Standesarten wetteiferten miteinander, und wie vor hundert Jahren galt das Wort „Der König rief und alle, alle kamen!“

Und so trat uns ein großes Erlebnis vor die Seele, wie es in der Geschichte der deutschen Nation kaum jemals gewaltiger verzeichnet ist: Der einige, geschlossene Wille der gesamten Volksgemeinschaft zur Verteidigung seiner höchsten Güter, des Vaterlandes und seiner Freiheit!

Millionen Seelen und ein Gedanke – Millionen Herzen und ein Schlag, das war die Signatur jener Tage.

Die Meldestellen konnten sich kaum der Fluten erwehren, die über sie hereinbrachen; alle Kasernen, Schulgebäude, Massenquartiere waren vollgefüllt mit Freiwilligen, die zwar noch keine genügende Ausbildung hatten, aber doch darauf brannten, an den Feind zu kommen.

Männer waren also da, aber Männer allein machen noch keine Armee! Es mangelte an vielem. Mit Schwierigkeiten mussten die nötigen Waffen und Ausrüstungsstücke hergeschafft werden, die militärische Ausbildung kostete ein gewaltig Stück Arbeit. Tatenfreudig griff alles zu. Was in systematischer Friedensausbildung fehlte, das ersetzte wohl teilweise die Summe von Intelligenz, die in dem geistig gut ausgebildeten Menschenmaterial steckte, die Lernbegierde und vaterländische Begeisterung.

Als Ausbildungszeit standen knapp zwei Monate zur Verfügung. Sie wurden in gewissenhafter Weise ausgenützt.

Für die neuzubildende Armee hatte Bayern eine Division aufzustellen und zwar die 6. bayerische Reserve-Division, besetehend aus dem

Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 16 (München)
Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 17 (Augsburg)
Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 20 (Nürnberg)
Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 21 (Fürth)

Die notwendigen Nebenwaffen wurden aus vorhandenen Reserveformationen zugeteilt, Reserve-Kavallerie-Abteilung 6 und Reserve-Feldartillerie-Regiment 6 wurden ebenfalls neu aufgestellt.

Am 01. September 1914 war die Aufstellung der Regimenter vollendet; nun galt es die einzelnen Unterverbände in rastloser Arbeit zusammenzuschweißen, um sie Ende Oktober, wie befohlen, kriegsverwendungsfähig ins Feld zu stellen zu können.

Die Aufstellung des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 16 lag in der Hand des Ersatzbataillons 2. Infanterie-Regiment in München.

Die neu gebildete 6. bayerische Reserve-Division trat unter das Kommando des Generals der Kavallerie Freiherrn von Speidel, die 12. bayerische Reserve-Infanterie-Brigade wurde von Generalmajor Kieshaber befehligt.

Die Führereinteilung des Reserve-Infanterie-Regiments 16 war folgende:

Regiments-Kommandeur Oberst Julius List, Regiments-Adjutant Leutnant a. D. Schnitzlein.

  1. Bataillon: Major der Reserve Julius Graf von Zech auf Neuhofen, Adjutant: Leutnant Bernhard Piloty (2. Infanterie-Regiment)
    1. Kompanie: Hauptmann Christian Pflaumer (2. Infanterie-Regiment), Zugführer Offiziers-Stellvertreter Stephan, Stöber und Schiener
    2. Kompanie: Hauptmann der Landwehr Butterfass, Zugführer Offiziers-Stellvertreter Heß, August Haugg und Feuchter
    3. Kompanie: Leutnant Josepg Schmidt (2. infanterie-Regiment), Zugführer: Offiziers-Stellvertreter Beck, Kerl und Broel
    4. Kompanie: Hauptmann der Landwehr Franz Rubenbauer, Zugführer: Leutnant a. D. Ubelein, Offiziers-Stellvertreter Moritz und Bachschneider
  2. Bataillon: Major z. D. Ernst Brugger, Adjutant: Oberleutnant der Landwehr Valentin Witt
    5. Kompanie: Oberleutnant der Landwehr Joseph Loy, Zugführer Leutnant der Reserve Götz, Offiziers-Stellvertreter Oberer und Speigl
    6. Kompanie: Oberleutnant der Reserve Walter Henle, Zugführer Offiziers-Stellvertreter Wilhelm Huber, Wimmenauer und Reichart
    7. Kompanie: Oberleutnant der Landwehr Georg Engelbrecht, Zugführer: Offiziers-Stellvertreter Glunk, Scharnagl und Thanner
    8. Kompanie: Oberleutnant der Landwehr Karl Laudenbach, Zugführer Offiziers-Stellvertreter Arends, Georg Haugg und Martin
  3. Bataillon: Hauptmann a. D. Wilhelm von Lüneschloss, Adjutant: Leutnant der Reserve Kuno Herterich
    9. Kompanie: Oberleutnant der Landwehr Albert Beuschel, Zugführer: Offiziers-Stellvertreter Baumgärtl, Herrmann und Böhm
    10. Kompanie: Hauptmann a la suite Ludwig Graf von Waldbott-Bassenheim (Infanterie-Leib-Regiment), Zugführer: Offiziers-Stellvertreter Dörfler, Mader und Thiemann
    11. Kompanie: Oberleutnant der Reserve Johann Peukert, Zugführer: Leutnant Karl Graf, Offiziers-Stellvertreter Gies und Brenner
    12. Kompanie: Oberleutnant a. D. Balduin Hagen, Zugführer: Offiziers-Stellvertreter Orth, Grieser und Schlamp

Führer des Maschinengewehrzuges: Offiziers.Stellvertreter Robert Schubert

Verpflegungsoffiziere: I. Bataillon Offiziers-Stellvertreter Eichelsdörfer
II. Bataillon Offiziers-Stellvertreter Gottschaldt
III. Bataillon Offiziers-Stellvertreter Krautinger

Führer der großen Bagage: Offiziers-Stellvertreter Lohr

Sanitäts-Offiziere: I. Bataillon Stabsarzt der Reserve Dr. Max Riehl (zugleich Regiments-Arzt)
Unterarzt der Reserve Dr. Max Weidemann

II. Bataillon Oberarzt der Landwehr Dr. Karl Dix
Unterarzt der Reserve Dr. Wengler

III. Bataillon Assistenzarzt der Reserve Dr. Otto Fischbach
Unterarzt der Reserve Dr. Eustach Bühner

Zahlmeister: I. Bataillon Unterzahlmeister der Landwehr Wislsperger
II. Bataillon Unterzahlmeister Knoll
III. Bataillon Unterzahlmeister Schiml

Die Gruppenführer und sonstigen Dienstgrade bestanden aus gedienten Unteroffiziere der Reserve und Landwehr, die für ihre Führertätigkeit besonders ausgebildet wurden.

Um die neue Formation vor der feindlichen Spionage, die überall tätig war, geheim zu halten, war bestimmt, dass die neuen Truppenteile in allen Briefanschriften, Meldungen usw. nur mit dem Namen Ihre Führer bezeichnet werden dürften; erst mit dem Abrücken ins Feld sollten die neuen Regiments-Nummern in Gebrauch treten. Dadurch wurde der Öffentlichkeit die allgemein gebrauchte Bezeichnung „Regiment List“ geläufig, mit der bis auf den heutigen Tag Ruhm und Ansehen des Regiments verknüpft sind.

Was die Truppe selbst anlangt, so standen in den Kompanien gemischt junge und gereifte Jahrgänge, geschlossene Gruppen von Landsleuten aus dem bayerischen Voralpengebiet und aus den niederbayerischen Tälern, in großer Zahl Angehörige der Münchener Bevölkerung, stark durchsetzt von Studierenden der Hochschulen und selbst der oberen Klassen der Mittelschulen, Künstler, Männer der wissenschaftlichen Berufe, des Handwerks und der Landwirtschaft, alle mit dem glühenden Willen, das Beste zu leisten. Mit Recht darf gesagt werden: es hat wohl niemals einen besseren Geist in einer Truppe gegeben, niemals loderte in einem Heer eine solche reine, heilige Flamme der Vaterlandsliebe und Opferbereitschaft bis zum Tod, als in diesem hier von Kriegsfreiwillige. Die Blüte unseres Volkes stand in seinen Reihen.

Ausmarsch

Am 8. Oktober verabschiedete sich das Regiment mit Ersatztruppen aller Waffengattungen im Hof der Türkenkaserne von Bayerns König. Jeden der 3.000 beseelter der Wunsch, das junge Regiment möge sich, wie König Ludwig III. beim Abschied sagte, gleich ehrenvoll wie die alten Truppen schlagen.

Noch einmal nehmen die gastlichen Quartiere in der Schwind-, Elisabethen- und Schwanthalerschule die drei Bataillone auf.

Am 10. Oktober 1914 war der Tag gekommen, an dem die neuen Regimenter ihre Standorte zu verlassen hatten, um auf dem Lechfeld in einer auf 10 Tage bemessenen Übung ihre Gefechtsausbildung im Verbande des Bataillons und Regiments, im gefechtmäßigen Abteilungsschießen und in größeren feldmäßigung Marschleistungen zu vervollständigen. Im Morgengrauen des 10. Oktober zogen die Marschkolonnen des ersten Bataillons durch die Landsberger Straße gegen Pasing, blumengeschmückt und mit Jubel begleitet von der Münchner Bevölkerung, deren Söhne als Freiwillige ins Feld zu ziehen im Begriffe waren. Überall ein Winken und Abschiedsgrüßen, ein Händedrücken und letztes Umarmen, ein Tücherschwenken und Blumenwerfen von Fenstern und Balkonen – und zwischendrin auch Tränen, Tränen…

Ein eigenartiges Bild, einen neuen Typ in der Erscheinung ausziehender Truppen bot das Regiment List insofern, als es nicht mit dem gewohnten feldgrauen Helm bekleidet war, dessen vorhandene Bestände zur Ausrüstung nicht ausreichten, sondern mit feldgrau überzogenen schwarzen Mützen aus Wachsleinwand, die wohl einen eigenartigen, aber in ihrer Einheitlichkeit nicht weniger kriegerischen Eindruck machten. Außerdem trugen die Truppen zum Teil statt der Tornister rund gefüllte Rucksäcke mit vorschriftsmäßig übergerolltem Mantel.

Das I. Bataillon benutzte die Marschtage zu einer kriegsmäßigen Übung, die am ersten Tag bis nach Gilching, am zweiten Tag nach Türkenfeld führte, wo bei einbrechender Dunkelheit eine Biwakstellung unter Vorpostensicherung bezogen wurde.

Bei dem Reiz des ersten Freilagers unterm Schein der Wachtfeuer und in dem befreienden Gefühl, endlich den ermüdenden Gleichtakt des Garnisonsdienstes entronnen zu sein und einer ernsteren Aufgabe entgegenzusehen, verlief die Nacht meist schlaflos und umso rascher, als schon um 4 Uhr morgenswieder zum Aufbruch alarmiert wurde. Gegen Mittag kam es an der Lechbrücke bei Schwabstadel zum Gefecht um den Brückenkopf, worauf das Bataillon in sein vorläufiges Ziel, Lager Lechfeld einrückte.

Das II. und III. Bataillon hatten den Weg über Puchheim nach Fürstenfeldbruck genommen, wo sie am 10. Oktober Ortsunterkunft bezogen. Am 11. Oktober nächtigte das II. Bataillon in Biwakstellung bei Wallershausen, das III. Bataillon im Biwak bei Moorenweis. Noch im Morgendunkel des 12. Oktober wurden die Zelte abgebrochen und der Marsch unter gefechtsmäßigen Übungen bis Lager Lechfeld fortgesetzt, wo die beiden Bataillone im Laufe des Nachmittags eintrafen.

Für die Dauer des Aufenthaltes auf dem Lechfeld wurden dem I. Bataillon die Ortschaften Kloster Lechfeld (1. und 2. Kompanie) und Untermeitingen (3. und 4. Kompanie), dem II. Bataillon der Marktflecken Schwabmünchen, dem III. Bataillon das Barackenlager auf dem Lechfeld als Unterkunft zugewiesen.

Im Stillen gedenken wir heute noch dankbar der herzlichen Aufnahme, die wir bei der Einwohnerschaft jener Ortsquartiere fanden. Wenn die Abteilungen nach den anstrengenden täglichen Übungen auf dem ausgedehnten Lechfeld oder vom Gefechtsschießplatz in den Lechauen nachmittags unter hellklingenden Marschliedern in ihre Ortsquartiere einrückten, war Alt und Jung auf den Beinen, marschierte mit und nahm nach dem „Weggetreten“ seine Soldaten mit heim ins Quartier, wo die Töpfe dampften und der hungrige Kriegsleute Harrten.

Am 18. Oktober fand nach der vormittägigen Brigade-Übung die Weihe der neuen Feldfahnen mit darauffolgendem Vorbeimarsch der Brigade einschließlich der Reserve-Kavallerie-Abteilung Nr. 6 und des Reserve-Feldartillerie-Regiments Nr. 6 vor dem Divisionskommandeur statt. Hieran schlossen sich unter Beteiligung zahlreicher Familienangehöriger die Feldgottesdienste beider Konfessionen durch Divisions-Geistlichen, Kapuziner Pater Norbert von St. Joseph und evangelischer Pfarrer Oskar Daumiller. Der letzte Feierliche Akt auf heimatlichem Boden, mit dem sich die junge Kriegerschar noch dem Schutz des Allmächtigen empfahl, bevor sie in schweren Tagen den blutigen Ernst des Krieges fühlen sollte!

Ihren Abschluss fand die zehntägige kriegsmäßige Ausbildung auf dem Lechfeld mit einem ausgedehnten Nachtmarsch im Regimentsverband, der uns in sieben Stunden vom Lager Lechfeld über Kaufering und den Lechübergang wieder zurück in die Quartiere führte.

Für den 21. Oktober war der Abtransport ins Kriegsgebiet befohlen. Drei Militärzüge, deren Abfahrt für 3 Uhr morgens, 1 Uhr mittags und 5 Uhr abends bestimmt war, sollten das Regiment an die Front bringen.

Um 1 Uhr nachts stand das I. Bataillon transportfertig. War in den Ortsquartieren bis Mitternacht noch frohes Leben bei Sang und Gläserklang, das manchem jungen Herzen den Abschied von der Heimat und den Lieben erleichterte, so verstummte um diese Stunde die laute Fröhlichkeit – da und dort noch ein ferner Klang „In der Heimat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehen!“ Die Kompanien traten auf ihren Sammelplätzen zusammen, die Führer richteten einige feierliche Worte, die der Bedeutung des Augenblicks entsprachen, an ihre Mannschaft, ein letztes „Stillgestanden! Zum Gebet!“ unter dem funkelnden Sternenhimmel im Angesicht des Ewigen – und lautlos rückten die Kolonnen zum Verladeplatz. Die Einparkierung ging kriegsgemäß in aller Stille vor sich.

In Augsburg wurden wir durch Damen vom Roten Kreuz am Zug bewirtet; am Vormittag fand die erste Verpflegung in Neu-Ulm, am Abend die nächste in Bietigheim statt. Die prachtvolle Fahrt durch den sonnigen Herbsttag erweckte die beste Stimmung und ließ kein Kopfhängen über den Abschied, kein Grübeln über die Zukunft aufkommen.

Überall begrüßte der begeisterte Jubel der Bevölkerung die Transportzüge, die im reichen Schmuck von Blumen und Sträußen, von weiß-blauen und schwarz-weiß-roten Flaggen und den schwarzgelben Münchener Stadtfarben ein äußerst farbenprächtiges Bild boten; auf dem flachen Land eilte die Bevölkerung herbei; die Bahnhöfe waren umlagert und gedrängt voll von menschen, die uns herzliche Abschiedsgrüße und Wünsche zuriefen und, wo es ging, Liebesgaben mit vollen Händen spendeten. Und als wir in der Mittagsstunde bei Mainz die Brücke über den Rhein passierten, da öffneten sich alle Fenster, und unter Tücher- und Fahnenschwenken brauste es aus tausend jungen Kehlen über den in der Tiefe rauschenden Strom: „Lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein!“

In Boppard am Rhein haben sie uns Bayern besonders jubelnd empfangen und freudig bewirtet.

In völliges Dunkel war noch das Ziel unserer Fahrt gehüllt. Von Köln bogen wir westwärts ab, berührten am Nachmittag die alte Kaiserstadt Aachen und trafen bei Eintritt der Nacht am 22. Oktober an der belgischen Grenze bei Herbesthal ein. Ein kurzer Verpflegungsaufenthalt wurde eingelegt; zugweise ertönte das Kommando „Laden und Sichern“, die Kammern rasselten auf und zu, die Ladestreifen fielen klirrend zu Boden – nun war die Heimat verlassen, feindlicher Boden betreten.

Mehr und mehr begann die körperliche Müdigkeit uns zu übermannen, jeder suchte, so gut es ging, ein Plätzchen für sein ruhebedürftiges Haupt. Auf den Gepäcknetzen und Fußböden lagen bald die Schläfer, Zeltbahnen wurden nach Art von Hängematten in den Wagen gespannt, in den Seitengängen lag alles eng aneinander gepresst.

Noch am dunklen Morgen wurde alles aus dem Schlummer gerüttelt. „Antreten zur Verpflegung!“ Wie mancher hätte gern auf die Konservensuppe verzichtet, hätte er sein warmes Plätzchen behalten können; aber die Disziplin ist eine strenge Herrin, die keine Ausnahme von der Vorschrift duldet. Und so wankten und stolperten die Abteilungen im schwachen Lichterschein schlaftrunken hinüber zu der primitiven Bretterhütte, die sich Verpflegungsstation Schaerbeek (Rangierbahnhof Brüssel) nannte.

Mit einem Male kam Leben in die Reihen – ein Aufhorchen, ein Flüstern, ein neugieriges Fragen überall. Die Offiziere hatten die Meldung gebracht, das Regiment sei Richtung Gent bestimmt! … Also nördlich – vielleicht Ostende – ans Meer – gegen die Engländer! … Die Karten wurden hervorgeholt, alle Möglichkeiten, alle Vermutungen erörtert; wissbergierig drängten sich die Mannschaften um ihre Offiziere, um Näheres zu erlauschen – Müdigkeit und Schlaf waren plötzlich gewichen.

Doch es dauerte nicht lange, da kamen neue Meldungen – Fahrtrichtung geändert – nicht Gent, sondernRichtung Lille! … Damit waren neue Perspektiven gegeben, sie hießen „Ypern„!

Morgens zwischen 7 und 9 Uhr am 23. Oktober hatten unsere Transportzüge nach dem Militärfahrplan in Lille einzutreffen, denn die Versammlung der neuen Truppen hinter der Kampffront sollte der feindlichen Beobachtung durch die Nachtfahrt auf belgischen Gebiet entzogen werden. Doch bald traten große Verzögerungen auf. Stundenlang standen die Züge auf freier Strecke, krochen dann wieder im Schneckentempo von 8 Kilometer in der Stunde vorwärts, langsam von Station zu Station.

Seit mehreren Stunden war mit der Annäherung an Lille schon ununterbrochenes Geschützfeuer zu hören, in westlicher Richtung gen Armantiéres sah man Flieger am hell beleuchteten Abendhimmel kreisen, verfolgt von Schrapnellfeuer – man fühlte bereits die Nähe der Kampffront.

Endlich um 4 Uhr nachmittag, als der Herbstabend zu dämmern begann, fuhr der Transportzug des I. Bataillons in den Bahnhof St. Madeleine in Lille ein. Wie eine Erlösung klang das Signal „Aussteigen!“ Rasch die dumpfen Wagen verlassen und die Glieder gereckt nach 61stündiger Fahrt! …

Tiefe Nacht war bereits eingetreten, als nach stundenlangem Warten auf dem Ankunftsbahnhof die in die Stadt gesandten Quartiermacher-Kommandos wieder erschienen, erschöpft von der mühseligen Arbeit, in der ausgedehnten fremden Stadt die Unterkunft für die Kompanien, Stäbe, Pferde und Fahrzeuge zu erkunden und, soweit möglich, bezugsfähig zu machen. Quartierzettel mit Straßennamen und Hausnummer in der hand, suchte man sich in der fremden, finsteren Stadt zurechtzufinden. Keine Menschenseele auf den Straßen, keine ortskundige Militärpatrouille, kein offenes Lokal, keine Straßenbeleuchtung – eine tote Stadt. Obwohl die Fensterscheiben vom geschützdonner ständig zitterten und klirrten, schliefen wir tief und sorglos. Am Morgen und Mittag des 24. Oktober trafen auch das II. und III. Bataillon in Lille ein.

Lille, eine Stadt mit 270.000 Einwohnern, schön, großstädtisch und vornehm, war erst am 12. Oktober von den deutschen Truppen eingenommen worden und zeigte an vielen Stellen die Spuren der schweren Geschosseinschläge. Viele vermögende Einwohner waren geflohen, sodass Häuser in großer Zahl leer standen, die Geschäfte geschlossen waren. Die Bevölkerung kam uns scheu, doch immer freundlicher entgegen und machte kein Hehl aus ihrer Überraschung, dass unsere Soldaten sich tadellos benahmen.

Vom 24. Oktober an stand nun unsere Division als Armee-Reserve bei Lille versammelt.

Am 9. Oktober 1914 war die Festung Antwerpen der Belagerungsarmee Beseler unter Mitwirkung unserer bayerischen Landwehr-Infanterie-Regimenter 1 und 2 überraschend in die Hände gefallen. Die Belgier und das IV. englische Korps waren in fluchtartigem Rückzug über Gent und Brügge zurückgegangen, verfolgt von unserer 4. und 5. Ersatzdivision.

Im Norden hatten sich die erschöpften Belgier Mitte Oktober hinter der Yser wieder gesammelt, das IV. englische Korps war zu dieser Zeit im Begriff, sich im Halbkreis um Ypern aufzubauen, verstärkt durch französische und englische Kavallerie. Der weithin sichtbare Höhenzug, der die Stadt Ypern wie ein mächtiger Schutzwall umgibt, bot den Engländern für eine Verteidigungsstellung die besten Voraussetzungen.

Der linke Flügel des Gegners war geschlagen, seine linke Flanke offen bis ans Meer.

Was lag für unsere Heeresleitung näher, als mit einem kraftvollen Stoß gegen diesen entblößten Flügel rasch eine Entscheidung zu suchen, bevor der Feind seinen Flügel stutzen und die Flanke decken konnte.

So begann das Wettrennen nach dem Meere. Die neu sich bildende deutsche 4. Armee unter Herzog Albrecht von Württemberg war bestimmt aus der Linie Brügge – Lille den entscheidenden Stoß in Richtung Ypern zu führen. Gelang die Umfassung, so war dies für den Fortgang des Feldzuges von weittragendster Bedeutung. Großes stand auf dem Spiel. Rasches Handeln war geboten.

Schon am 20. Oktober hatte der Vorstoß der 4. Armee gegen Ypern unter Herzog Albrecht von Württemberg begonnen; das XXII. Reserve-Korps war auf Dixmuide, das XXIII. auf Merckem und Bixschote, das XXVI. auf Poelkapelle und Passchendaele angesetzt worden, das XXVII. war bis in die Linie Oude Kruiseik – Vieux Chien – Zuidhoek – Becelaere vorgedrungen.

Dort hatten sie sich den Engländern gegenüber festgebissen. Der Angriff bedurfte neuer Kräfte. So sollte auch für unsere junge Freiwilligen-Division die Schicksalsstunde schlagen!

Vormarsch

27. und 28. Oktober 1914

Die kurz bemessene Frist, die wir in Lille bei prächtigem, mildem Herbstwetter in Ruhe, doch in ständiger Alarmbereitschaft verbringen durften und die einigen feldmäßigen Übungen diente, fand am Montag, den 26. Oktober abends durch den Vormarschbefehl der 6. bayerischen Reservedivision ein plötzliches Ende.

„Division marschiert in zwei Kolonnen vor, um sich als Reserve südlich Werwik-Comines bereitzustellen. Rechte Kolonne (Reserve-Infanterie-Regiment 20 und 21) bricht mit Infanterieanfang 4.15 Uhr vormittags vom Alarmplatz der 14. Reserve-Infanterie-Brigade auf, marschiert über Croix blanche – Linfelles hinter die Höhe La Montagne südlich Werwik, wo sie Front Nordwest aufmarschiert. Linke Kolonne (Reserve-Infanterie-Regiment 16 und 17) bricht mit Infanterieanfang 3.30 Uhr vormittags vom Alarmplatz der 12. Reserve-Infanterie-Brigade auf, marschiert über Cheval blanche – La Vigne auf Comines, südlich dessen sie sich gedeckt, Front Nordwest, bereitstellt.“

Mitternacht war vorüber, als der stille Alarm durch die Quartiere ging und die Schläfer aus ihren Träumen riss. Um 3 Uhr morgens am 27. Oktober zogen die Kompanien in lautloser Stille durch die dunklen Straßen nach der Place du Concert, dem Sammelplatz des Regiments. Manch eine Kolonne hatte in dem unbekannten Straßengewirr der Stadt ihren Anmarschweg verfehlt und gelangte erst nach längeren Irrfahrten an ihren Bestimmungsort.

Endlich nach 4 Uhr morgens konnte sich die Marschkolonne in Bewegung setzen und nahm ihre Richtung durch den nördlichen Stadtteil gegen Marquette, den Industrievorort von Lille. Unter der flammenden Glut des Morgenrotes und dem Donner der nahen Artilleriefront ging es auf schlechter Straße und unter fortgesetzen Hemmungen durch vorfahrende Batterien und überholende Munitionskolonnen über Cheval blanc gegen Le Beau chène, wo nach Tagesanbruch die Kompanien rechts und links der Marschstraße auseinandergezogen und bei eineinhalbstündiger Rast aus den Feldküchen verpflegt wurden.

Im Laufe des Nachmittags überschritten wir die Lys, den französisch-belgischen Grenzfluss, passierten Stadt Merwik und Dorf Cheluw und gelangten bei Einbruch der Dämmerung in die Gemarkung der Gemeinde Panemolen, wo das Regiment Biwak zu beziehen hatte. Dazu ausersehen, als erstes Regiment der Division zum Einsatz zu kommen, wurde es hier dem XXVII. Reservekorps (4. Armee, 54. Reservedivision) unterstellt, während das Gros der 6. bayerischen Reservedivision mit der Armeegruppe Fabeck südlich Ypern, zwischen der 4. und 6. Armee, die feindliche Frot durchstoßen sollte.

Es war eine sternklare, frische Herbstnacht, die sich über das flandrische Land breitete. Müde von dem 40 km Marsch mit feldmäßigem Gepäck auf dem Rücken suchten sich die einzelnen Gruppen innerhalb ihrer Kompanieräume die besten Plätzchen, um sich so gut als möglich für die Nacht einzurichten. Während man daran ging, dürftige Lagerstätten mit Stroh zu bereiten, fuhren die Feldküchen heran, um heißen Kaffee auszugeben, der rasch seine kräftigende Wirkung tat. Bald brodelten auch die großen Suppenkessel, deren Inhalt durch die frisch den Feldern entnommenen Gemüsezutaten angenehm ergänzt wurde; in den verlassenen Gehöften fand sich noch manch Stück Vieh, das von sachkundiger Hand auf der Stelle geschlachtet und zur Abendkost bereitet wurde.

Die Nacht verging, hin und wieder unterbrochen durch die rollenden Salven des Maschinengewehrfeuers von der nahen Kampffront, das die Wachsamkeit der Gefechtstruppe verriet.

In früher Morgenstunde des 28. Oktober wurde gemeldet, dass unsere Reservestellung, vermutlich durch geheime Verbindungen der Einwohner, dem Gegner verraten sei, weshalb bei Tagesanbruch durch das Regiment ein Stellungswechsel einige Kilometer nördlich in Richtung Vijfwegen befohlen und ausgeführt wurde. Tatsächlich schlugen kurz nach unserem Abzug Granaten in den Bereich unserer verlassenen Biwakstellung.

So standen wir am 28. Oktober bataillons- und kompanieweise auseinandergezogen im freien Gelände des Raumes Vijfwegen – Panemolen – Artoishoek, Regimentsstab an der Straßenkreuzung bei Vijfwegen, als Kampfreserve bereit, um den Befehl für das Eingreifen in das Gefecht abzuwarten.

Von der 54. Reserve-Division (General der Infanterie von Schäfer), die in unserem Frontabschnitt vorne im Gefecht stand, wurde am Abend folgender Befehl für den 29. Oktober ausgegeben:

  1. Das XXXVII Reservekorps greift gemeinsam mit den links neben dem Korps stehenden Truppen an.
  2. 54. Reserve-Division den Abschnitt Reutel (ausschl.) – Linie Oude Kruiseik – Chapelle Cheluvelt. Die 53. Reserve-Division unterstützt den Angriff durch Feuer und wird bereit gehalten, auf besonderen Befehl des Kommandierenden Generals einzugreifen.
  3. 54. Reserve-Division stürmt die von unserer Artillerie heute beschossene Stellung in Linie Poezelhoek – Straßenkreuz 1 km nordwestlich Vieux Chien, und zwar Gruppe Mühry aus ihrer Stellung heraus von dem Punkte Waldecke 1/2 Kilometer südlich Reutel über das Straßenknie bei Poezelhoek zum linken Flügel der Gruppe. Die an dem Waldrand nördlich dieses Punktes und bei Reutel liegenden Teile der Gruppe Mühry halten ihre Stellungen unbedingt fest und unterstützen lediglich durch Feuer.
  4. Der Gruppe Mühry (bei Becelaere) wird ein Bataillon des bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments 16 zur Verfügung gestellt, das 5 Uhr vormittags an der Einmündung des Weges Terhand – Molenhoek in die große Straße Becelaere – Broodfeinde mit Anfang bereit steht und dort von Oberst Mühry weitere Befehle erhält.
  5. Gruppe Bendler (bei Koelberg) arbeitet sich in der Nacht so nahe als möglich an die englischen Stellungen heran, lässt durch Pioniere die Hindernisse zerstören und setzt unmittelbar vor dem Sturm die Minenwerfer ein. Der Angriff ist in Richtung Cheluvelt weiter durchzuführen. Der Gruppe Bendler werden zwei Bataillone des bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments 16 zur Verfügung gestellt, welche 5 Uhr vormittags die Straße Vijfwegen – Cheluwe benützend auf der Straße Cheluwe – Cheluvelt mit dem Anfang am Straßenkreuz bei Koelberg zu stehen haben und dort von Oberst von Bendler durch Befehlsüberbringer weitere Befehle erhalten. Der Sturm beginnt um 6.30 Uhr. – Meldungen nach Terhand. Es wird nochmals daran erinnert, dass das bayerische Reserve-Infanterie-Regiment 16 Landsturmmützen mit grau-grünem Überzug trägt.

Zugleich war durch Korpsbefehl vom gleichen Tag bestimmt worden, dass unser Reserve-Infanterie-Regiment 16 nach der Erstürmung von Cheluvelt wieder aus der Gefechtslinie zu nehmen und am Straßenkreuz südöstlich Cheluvelt zum Abmarsch zu seiner Division bereitzustellen sei.

Damit war das Regiment List für die Gefechtsdauer bei der 4. Armee aus dem Verband der 6. bayerischen Reserve-Division ausgeschieden und der 54. Reserve-Division unterstellt. Der übrige Teil der Division war über Werwick hinter den Frontabschnitt Messines – Wytschaete vorzuziehen, um der Gruppe Fabeck der 6. Armee zur Verfügung zu stehen.

Mochte von den Absichten der Führung schon einzelnes bis zur Truppe durchgesickert sein oder war es die unbestimmte Ahnung, dass sich in kürzester Frist die Entscheidung nähern müsse, da der gegenwärtige Zustand nicht allzu lange andauern könne, jedenfalls standen wir an diesem Abend im fiebernden Banne bevorstehder Ereignisse. Es war daher keine Überraschung, als nach Mitternacht der Befehl durchging:

„Die Kompanien haben sich marschbereit zu halten; die Marschbereitschaft ist der Einwohnerschaft streng zu verheimlichen“, dem dann etwa 2 Uhr morgens der Befehl folgte: „Regiment sammelt sofort auf der Straße Panemolen – Vijfwegen, Front nach Süden.“

Eine halbe Stunde später standen die Kolonnen marschbereit. Das III. Bataillon erhielt Auftrag, über Terhand gegen Becelaere, getrennt vom Regiment, vorzumarschieren und sich der dort im Gefecht liegenden Brigade Mühry der 54. Reserve-Division (württembergisches Reserve-Infanterie-Regiment 245 und 246) für den Angriff am folgenden Morgen zur Verfügung zu stellen. Das I. und III. Bataillon wurden links davon in die Richtung auf Koelberg zur Kampfgruppe von Bendler (württembergisches Reserve-Infanterie-Regiment 242, 247, 248, sächsisches Infanterie-Regiment 105) in Marsch gesetzt.

Der Kampf bei Gheluvelt und Becelaere

29. Oktober bis 1. November 1914

Die Ereignisse in der Mitte und auf dem linken Flügel des Regiments

Das I. und III. Bataillon mit dem Regimentsstab hatten sich im Laufe der Nacht vom 28./29. Oktober von der Bereitschaftsstellung bei Panemolen – Artoishoek aus in südwestlicher Richtung die Straße verlassend gegen den Reutelgrund gezogen und erreichten nach einem mühsamen, durch Finsternis und Weghelosigkeit erschwerten Marsch um 6.30 die Hauptstraße Menin – Ypern bei der Ortschaft Koelberg, etwa 11 km vor Ypern.

Von hier läuft die Hauptstraße nordwestlich in schnurgerader Linie über Gheluvelt nach Ypern und wird nahe bei Kruiseik (2 km vor Gheluvelt) durch die südlich von Werwick kommende Straße nach Poezelhoek – Bezelaere gekreuzt. Die hiedurch geschaffene große Straßengabel spielt als Kampfgelände des Regiments in der Folge eine Hauptrolle.

Im Schutz des Morgennebels wurden die Kompanien hinter den Häusergruppen und den üppigen Laubzäunen der kleinen Ortschaft Koelberg gedeckt aufgestellt, um die weiteren Befehle abzuwarten. Die ersten frisch aufgeworfenen Gräber von gefallenen Kameraden der württembergischen Truppen, mit primitiven Holzkreuzen und darauf gelegten Helmen geschmückt, begegneten uns am Rand der Ortschaft und mahnten uns, dass wir im unmittelbaren Kampfbereich waren.

Sofort versammelten sich die Kommandeure Oberst List, Major Graf Zech und Hauptmann von Lühneschloss sowie die Kompanieführer in dem an der Straße gelegenen Wirtshäuschen, wo sie vom stellvertretenden Abschnittskommandeur Oberst von Oldershausen (sächsisches Regiment 105) zur Führerbesprechung erwartet wurden. Im abgeblendeten Schein einer ärmlichen Petroleumlampe wurde an der Hand der Karte und der Gefechtsskizzen die augenblickliche Lage bekannt gegeben.

Der Gegner bestand aus besten englischen Truppen, Territoriales und altgedienter Infanterie, und stand mit seiner Hauptstellung in der Linie Keiberg – Poezelhoek – Gheluvelt – Zandvoord – Hollebeke – Wytschaete. Vorgeschobene Teile hatten das Straßenkreuz bei Oude Kruiseik, 2 km südöstlich von Gheluvelt, und die dort befindlichen Gehöfte besetzt und verschanzt. Den Kernpunkt des von uns anzugreifenden feindlichen Stellungsabschnittes bildet die in erhöhter Lage an der Hauptstraße nach Ypern gelegene Ortschaft Gheluvelt und der anschließende Schlosspark bis Poezelhoek. Die englische Artillerie stand im Raume Zonnebeke – Westhoek – Zillebeke, war gut eingeschossen und verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtung.

Von unseren eigenen Truppen lagen im Kampfe rechts der Straße nach Becelaere das württembergische Reserve-Infanterie-Regiment 248, weiter rechts anschließend bei Becelaere Reserve-Infanterie-Regiment 245 und 246, links bei Kruiseik die württembergischen Reserve-Infanterie-Regimenter 247 und 242 und das sächsische Regiment 105 (Straßburg). Ihre Unterstützungen lagen noch in zweiter Linie.

Unsere beiden Bataillone sollten für den Angriff zunächst als dritte Linie eingesetzt werden. Demgemäß wurde das I. Bataillon rechts der Yperner Straße, das III. Bataillon links derselben bei Koelberg, jedes in zwei Gefechtslinien zu zwei Kompanien entfaltet.

Das I. Bataillon

Um 6.45 Uhr trat das I. Bataillon mit 1. und 3. Kompanie in erster, 2. und 4. Kompanie in zweiter Gefechtsstaffel entfaltet den Vormarsch an, vorerst in Kompaniekolonnen und mit Anschluss an die Straße, dann rechts an den Gehöften von Vieux Chien vorbei. Schon nach wenigen hundert Metern schlugen die ersten Artilleriegeschosse zwischen unsere Linien ein. Es begann ernst zu werden.

Mit rasch erweiterten Zwischenräumen durchschritten die Kompanien sprungweise die vorgelagerten Waldstücke, die vom Einschlag der Granaten dröhnten und splitterten, überkletterten die zahlreichen im freien Felde gezogenen Schützengräben und gelangten bald in die vorderste Linie. Bei diesem Vorgehen wurde durch einen Granatsplitter der massive vergoldete Löwe von der Stange der Fahne I. Bataillon herabgeschossen und ging verloren.

Der Nebel hatte sich inzwischen gelichtet. Auf Befehl des Kommandeurs wurde das I. Bataillon in einem Lärchenwäldchen zwischen der Straße nach Becelaere und dem linken Flügel des Reserve-Infanterie-Regiments 248, wo sich eine geräumige Lücke in der Front gebildet hatte,  zum Angriff zusammengefasst.

Während des kurzen Aufenthaltes traten die ersten Verluste durch Artilleriegeschosse ein; Unteroffizier Altinger 4. Kompanie wurde druch einen abgesprungenen Schrapnell-Zünder am Kopf so schwer verletzt, dass er nach wenigen Minuten starb, der neben ihm liegende Unteroffizier Vogel erlitt durch das gleiche Geschoss eine schwere Verwundung am Oberarm. Bei der 1. Kompanie war Offiziersstellvertreter Fähnrich Stöber beim Überschreiten der Schützengräben durch ein Infanteriegeschoss schwer verwundet worden; Offiziersstellvertreter August Haugg 2. Kompanie blieb durch Beinschuss verwundet nahe des Straßenkreuzes liegen.

Noch waren wir nicht mit dem Gegner in unmittelbarer Fühlung getreten, doch war aus dem lebhaft sich entwickelnden Infanteriefeuer am linken Flügel des Regiments jenseits der Straße zu erkennen, dass dort der Kampf im Abschnitt unseres III. Bataillons bereits heftig entbrannt war.

Gegen 9 Uhr traf denn auch vom Regiment der Befehl ein: „Das III. Bataillon ist in der Nähe des Straßenkreuzes bei Kruiseik auf stärkere feindliche Kräfte gestoßen. Das I. Bataillon hat mit Frontdrehung links nach der Straße zu versuchen, dem III. Bataillon Erleichterung zu verschaffen.“

Damit war der Auftakt zum Kampfbeginn gegeben. Bataillonskommandeur Graf Zech gab den Befehl an die 2. und 4. Kompanie: „Zugweise vom linken Flügel, mit Front gegen die Straße, gedeckt im Wald entwickeln und Sprung ohne Unterbrechung bis in die Schützengräben am Straßenrand! Der nächste Zug folgt, wenn der vorhergehende die Stellung erreicht hat!“

Wellenweise warfen sich die Schützenlinien aus dem Waldrand im 70 Meter Lauf über das freie Feld bis an die Straße hinüber, wo sie in den von den Engländern ausgebauten, gut eingerichteten Gräben verschwanden.

Allem Anschein nach hatten die Engländer diese Stellung längere Zeit innegehabt, denn sie war mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet. Matratzen mit Decken und Kopfpolstern, Tische, Feldstühle und Polstersessel, Petroleumlampen, Spiegel und Rasierzeuge, eine Menge Lebensmittel, ungeöffnete Konservenbüchsen und halb gefüllte Marmeladenkübel, Waffen und Uniformstücke lagen bunt durcheinander. Diese Unordnung ließ darauf schließen, dass die Stellung fluchtartig verlassen worden sein musste.

Als sich unsere Abteilungen anschickten, die innerhalb der Straßengabel liegende Bodenwelle, die das Schussfeld behinderte, im Sprung zu erreichen, erschienen links die Schützenlinien der 3. Kompanie unter Führung des Leutnants Schmidt, der sich beim Vormarsch mehr an die Straße gegen Kruiseik herangezogen hatte und in der Nähe des Straßenkreuzes in heftiges Feuer geraten war, wobei ihm die Mütze auf dem Kopf durchschossen worden war. Schon von ferne gab er durch Rufe und Zeichen zu verstehen, dass der Gegner seine Linien abbaue und den Rückzug gegen die Waldstücke Richtung Gheluvelt antrete.

Sofort wurde von unserem I. Bataillon der Vorstoß gegen die linke Flanke des Gegners angesetzt, der sich plötzlich in gefahrdrohender Weise überflügelt sah und sich unter dem rasch aufgenommenen Verfolgungsfeuer unseres Maschinengewehrzuges in eiliger Flucht in die Waldstücke gegen den Schlosspark hinauf zu retten suchte.

Da gleichzeitig von rechts her bei dem württembergischen Regiment 248 die Sturmsignale und das Hurrageschrei den erfolgreichen Fortschritt des Angriffs ankündigten, wurden die Bajonette aufgepflanzt und alles erhob sich zur Verfolgung.

„Vorwärts! Jetzt könnt ihr Engländer fangen!“ rief Major Graf Zech lachend seinen Leuten zu und setzte sich mit seinem Adjutanten Leutnant Piloty selbst an die Spitze, um den Angriff zu leiten.

Im Vorwärtsdrängen ging augenblicklich alle Ordnung verloren. Jeder wollte vorne sein, um die anscheinend leicht zu erringenden Lorbeeren aus erster Hand zu ernten; die Stimmung artete in lauter Begeisterung aus, fröhliche oberbayerische Jauchzer erschollen aus den Reihen. Wie die langen Hochländer mit ihren blau-grün-rot gestreiften Knieröckchen und blanken Beinen die Ackerfurchen hinaufsprangen, dass die weiten Falten im Winde flatterten, das war neu und erregte Heiterkeit. „Da schaun‘ s hin, Herr Hauptmann, die haben ja Weiber dabei!“ rief einer – „Trösten Sie sich, das sind Schottländer!…“ Alles lachte.

Während nun unsere 1. Kompanie am linken Flügel des Reserve-Infanterie-Regiments 248 rechts der Straße zum Sturm vorging, drangen die übrigen drei Kompanien längs der Straße in der Richtung Poezelhoek vor. Eben war man im Begriff von der Straße abzubiegen und in die dichten Erlenbüsche nach links in Richtung gegen den Schlosspark von Gheluvelt einzudringen, als ein Meldegänger auf der Straße zurückstürmte mit dem Ruf „Obacht! Eben ist da vorne ein Major erschossen worden!“

Augenblicklich verstummte der Lärm, lähmendes Entsetzen legte sich auf die Truppe. Es zeigte sich, dass der Bataillonskommandeur Graf Zech, als er eben mit der Hand die Richtung zum Abschwenken nach links gegeben hatte und den Straßengraben überschreiten wollte, durch Kopfschuss tot zu Boden gestreckt worden war, neben ihm sein Adjutant Piloty. Die Leichen wurden am Waldrand geborben und später dort begraben.

Schon in der ersten Stunde war das Bataillon seines Führers beraubt. Als erster Offizier, im siegreichen Vormarsch an der Spitze seiner Truppe war er gefallen, ein Edelmann in des Wortes bester Bedeutung. Vor dem Krieg hatte er sich um die deutsche Sache als vorletzter Gouverneur von Deutsch-Togo hohe Verdienste erworben; als Mann von Welt verleugnete er auch im Waffenrock die vornehme, ritterliche Art seines Standes, als Kommandeur das verbindliche Wesen des Auslandsdeutschen nicht.

Tragisch berührte das Schicksal des jugendlichen Adjutanten Piloty – Sohn des Würzburger Rechtslehrers Piloty – des prächtigen Menschen und begeisterten Soldaten, der, schon im August in der Lothringer Schlacht verwundet, sich nach seiner Genesung dem neuen Regiment zur Verfügung gestellt hatte.

Das erschütternde Ereignis gestattete keine Zeit zum Verweilen. Unaufhaltsam, aber in vorsichtigem Vorwärtstasten stießen die Schützenlinien bis zum hintersten Rand des ersten Waldstreifens durch, wo sie auf stark besetzte englische Gräben trafen, die nach hartnäckigem Kampf gestürmt wurden. Die Unübersichtlichkeit des Kampfgeländes, das Gewirr von Schützengräben, die zahlreichen Verzäunungen und Heckenstreifen, die teilweise mit Draht durchzogen waren, boten dem Angriff außerordentliche Schwierigkeiten; dabei hatten sich die Engländer in allen Winkeln eingenistet, hatten Gräben hinter Gräben besetzt und wehrten sich aus den verborgenen Feuerstellungen mit äußerster Zähigkeit.

In diesem erbitterten Ringen, das stellenweise zu Nahkämpfen Mann gegen Mann führte, wuchsen unsere Verluste unheimlich. Endlich in den Mittagsstunden gelang es, die obersten Waldstücke zu säubern, die mit gefallenen und verwundeten Engländern gefüllt waren, und bis zu dem unteren Gutshof zwischen Gheluvelt und Poezelhoek vorzudringen. Auf diesen stürzten sich jetzt Teile der 3. und 4. Kompanie, setzten ihn in Brand und nahmen ihn im Sturm, wobei die Besatzung von etwa 80 Engländern des Regiments York gefangen genommen wurde.

Offiziersstellvertreter Stephan 1. Kompanie, der mit bewundernswerter Tapferkeit seinen 3. Zug zum Angriff vorgerissen hatte, brach vor der Front schwer verwundet zusammen und wurde durch Unteroffizier Leitl in ein nahegelegenes zerschossenes Gehöft getragen. Als der rasch hetrbeigeeilte Unterarzt Dr. Weidemann eben daran war, den Schwergetroffenen zu verbinden, durchschlug eine Granate die letzte Mauer des Gehöftes, brachte Stephan weitere tödliche Verletzungen bei und schlug Dr. Weidmann den Fuß ab.

Hervorragendes leisteten bei diesem Angriff die Unteroffiziere Klosse, Lechner und Kneißl 1. Kompanie. Ersterer fiel noch am gleichen Morgen tödlich getroffen.

Das Ungestüm unserer Leute war so groß, dass man bei Erstürmung der englischen Stellungen im Vorwärtsdrängen nicht einmal die Gräben durchsuchen konnte, sodass es vorkam, dass die Truppe durch zurückgebliebene Gegner Rückenfeuer erhielt.

Gegen 2 Uhr nachmittags trat eine kurze Gefechtspause ein, um der erschöpften Truppe Rast zu gönnen, die zerstreuten, den Führern teilweise aus der Hand geglittenen Abteilung wieder zu sammeln und die Verwundeten zu bergen.

Nach überschlägigen Schätzungen war von den in der Mitte kämpfenden Kompanien (3. und 4. Kompanie) noch etwa die Hälfte der Mannschaft kampffähig, ein Teil der Zug- und Gruppenführer tot oder verwundet, unter letzteren Offiziersstellvertreter Heß und Feuchter 2. Kompanie, Broel, Kerl und Beck 3. kompanie. Der tapfere Sergant Grasser 4. Kompanie wurde mit mehreren Schüssen in Brust und Unterleib aus dem Gefecht getragen.

Am linken Flügel des Bataillons hatte sich die 2. kompanie unter Führung von Hauptmann Butterfass an den vorderen Waldrändern festgesetzt, alg aber noch im starken Feuer. Mit der am rechten Flügel kämpfenden 1. Kompanie war die Verbindung durch die schier undurchdringlichen Unterholzbestände äußerst schwer aufrechtzuerhalten. Sämtliche Unterstützungen waren bereits verbraucht.

Da aber der Kampf noch völlig unentschieden war und der gegner, obwohl mit starken Verlusten zurückgedrängt, durch Teilvorstöße noch Herr der Lage zu werden suchte, musste der Angriff nochmals aufgenommen werden. Die 4. Kompanie in der Mitte leitete den Vorstoß ein. Mit neu geordneten Zug- und Gruppenverbänden arbeiteten sich die Schützen einzeln und in Gruppen, von der Nachbarabteilung so gut als möglich durch Feuer unterstützt, sprungweise zwischen den Hecken hindurchschlüpfend an die hartnäckigsten Stützpunkte des Gegners heran, der sie aus seinen mit vortrefflicher Pionierkunst verstärkten, völlig verborgenen Stellungen mit einem Hagel von Geschossen überschüttete. Kein Gegner war zu sehen, das Feuer musste lediglich auf die unteren Heckenränder zusammengefasst werden. Dabei fiel Offiziersstellvertreter Moritz 4. Kompanie im Sprung durch Herzschuss, mit ihm seine Gruppenführer Unteroffizier Grimminger, Danner, Mittermeier.

Aber trotz alledem blieb der Mut unserer jungen Truppe ungebrochen und in zweieinhalbstündigem Ringen gelang es, das feindliche Feuer niederzukämpfen. Der endgültige Einbruch in die Hauptstellung des Gegners blieb allerding durch die natürlichen Hindernisse, die sich vor den vielverzweigten Gräben in Gestalt mächtiger flandrischer Heckenzäune aufbauten, versagt.

Der gegen 5 Uhr nachmittags einfallende Abendnebel machte dem Kampf dieses Tages ein Ende. Bei Einbruch der Dämmerung zog sich die 1. Kompanie gegen die Mitte heran; die 2. etwas abseits am linken Flügel, ließ melden, dass sie links keinen Anschluss habe, da die Nachbartruppen weit zurückhingen und kaum 600 m über das Straßenkreuz vorgekommen seien. Mit Rücksicht auf die Gefahr, der die offene linke Flanke bei der unmittelbaren Nähe des Feindes für die Nacht ausgesetzt war, wie auch auf das unübersichtliche, tückische Waldgelände, in dem die einzelnen Teile des Bataillons verstreut lagen, entschlossen sich die Führer gemeinsam, die Kompanien einige hundert Meter hinter den Waldrand zurückzunehmen, um sich dort auf der freien Höhe für die Nacht einzugraben und zugleich den Anschluss auf dem linken Flügel wieder herzustellen. Diese Maßnahme war aus Sicherheitsgründen geboten, so sehr auch die vorübergehende Aufgabe des mit viel Blut erkämpften Bodens schmerzte.

Als nach Einbruch der Nacht durch unsere Patrouillen das Kampfgelände nach Verwundeten abgesucht wurde, stellte sich heraus, dass uns die Engländer bereits zuvorgekommen waren und auch unsere Verwundeten zurückgetragen hatten. Auf diese Weise war eine Anzahl unserer Leute, darunter Leutnant Abelein der 4. Kompanie, der sich mit einer schweren Verwundung liegen geblieben war, in englische Gefangenschaft geraten.

Das III. Bataillon

Das III. Bataillon war am Morgen des 29. Oktober aus der Entfaltung bei der Ortschaft Koelberg links der Straße nach Ypern mit der 9. und 11. Kompanie in vorderer, der 10. und 12. in zweiter Linie ins Gefecht getreten. In zügigem Vorwärtsgehen suchten die Schützenlinien gegen das Straßenkreuz bei Kruiseik vorzudringen, erlitten aber durch das von vorne und aus der rechten Flanke einsetzende feindliche Feuer bald so erhebliche Verluste, dass die Bewegung ins Stocken kam. Der Gegner hatte sich in den Gehöften und in dem dichten Buschwerk am Straßenkreuz eingenistet und richtete, völlig unsichtbar, ein konzentriertes Maschinengewehrfeuer auf die in lichter Entwicklung vorgehenden Schützenlinien und ihre nachfolgenden Reserven. Es galt daher, zunächst diesen Gegner niederzukämpfen.

In dem Augenblick, als Oberleutnant Beuschel mit der 9. Kompanie die Straße erreicht hatte und das Kommando gab „Sprung! Auf – Marsch – Marsch!“ wurde er von einem geschoss getroffen, dass ihm das Kommando auf den Lippen erstarb und er tot umsank. Offiziersstellvertreter Baumgärtl übernahm die Kompanie.

Das Bataillon war als zweite Linie hinter dem sächsischen Regiment 105 bestimmt, trat jedoch bald in die erste Gefechtslinie. Kangsam und zäh arbeiteten sich die Züge trotz ständiger Verluste vorwärts, bis schon nach kurzem die Ausfälle durch das feindliche Artilleriefeuer so groß wurden, dass der Bataillonskommandeur, der selbst in vorderster Linie war, bei der Gefahr, die Truppe ohne hinreichenden Erfolg vollständig zu opfern, sich entschloss, die Stellung vorerst zu halten und sich einzugraben, um durch die weitere Gefechtsentwicklung eine günstigere Gelegenheit zur Fortsetzung des Angriffs abzuwarten.

Erst als im Laufe des Vormittags die englischen Stellungen am Straßenkreuz bei Kruiseik durch den Angriff unseres I. Bataillons und der Württemberger 247 vom Gegner fluchtartig geräumt worden waren, konnte der rechte Flügel des III. Bataillons gemeinsam mit dem Reserve-Infanterie-Regiment 247 zum weiteren Angriff vorgehen. Entlang der Ypener Straße suchte man nch Vorwärts Rum zu gewinnen. In kleinen Teilvorstößen arbeitete sich die 10. und 11. Kompanie an die links der Straße gelegenen Gräben der Engländer heran, immer wieder gezwungen, ihre Stellungen unter dem verheerenden Feuer der feindlichen Artillerie und den Bombenwürfen der feindlichen Flieger vorübergehend aufzugeben und in Deckung Schutz zu suchen. Die Verluste stiegen von Stunde zu Stunde. Oberleutnant Peukert, der Führer der 11. Kompanie fiel im Gefecht, ebenso sein 1. Zugführer Leutnant Graf, der einzige Sohn des 1916 vor dem Feind gebliebenen Kommandeurs der bayerischen Ersatz-Division, Generalleutnant Ritter von Graf. Offiziersstellvertreter Gieß blieb durch beide Oberschenkel geschossen liegen. Feldwebel Müller nahm das Kommando über die Kompanie an sich, fiel aber bald darauf durch Kopfschuss. Darauf sprang Vizefeldwebel Schnaudt als Kompanieführer ein.

Erschreckend schnell schmolz die Gefechtskraft zusammen, sodass gegen Mittag die letzten Reservezüge eingesetzt werden mussten. Überall lagen hinter den Hecken die Verwundeten, ohne dass ihnen Hilfe gebracht werden konnte.

Dazu kam, dass vorübergehend unsere Truppen von Nachbarabteilungen der Sachsen, die uns wegen der grauen Mützenbezüge mit Engländern verwechselt hatten, unter Feuer genommen worden waren, wodurch die moralische Kraft der Truppe stark beeinträchtigt wurde.

Als um die Mittagsstunde die Lage äußerst bedrohlich wurde und insbesondere durch das vernichtende Maschinengewehrfeuer aus der stark besetzten Windmühle unterhalb des Ortsrandes immer größere Lücken in unsere Reihen gerissen wurde, entschloss sich Unteroffizier Schaumberger, mit einer Anzahl Leute sich an die Windmühle heranzupürschen, dieses gefährliche Nest auszuheben. Die Aufgabe ging aber über die Kraft der todesmutigen Männer; sie blieben mit schweren Verlusten vor der Front liegen. Offiziersstellvertreter Dörfler, der ihnen zu Hilfe eilte, fiel.

Dagegen gelang es der 12. Kompanie auf die Meldung hin, dass die 10. Kompanie unter starkem Flankenfeuer leide, ein Gehöft in der linken Flanke zu stürmen und augenblicklich Erleichterung zu schaffen.

Gegenüber der gewaltigen Feuerkraft des Feindes, seinen in langer Vorbereitungszeit außerordentlich gut befestigten und verdeckten Stellung, wobei seine Schützen sogar von Bäumen herab ein scharf gezieltes Feuer auf unsere im offenen Feld kämpfenden Linie richteten, war mit einem durchschlagenden Erfolg nicht mehr zu rechnen.  Sollte die Truppe nicht der gänzlichen Vernichtung preisgegeben werden, so blieb nichts übrig, als weitere Angriffsversuche aufzugeben und sich darauf zu beschränken, den heißumstrittenen Boden zu halten und sich nach Möglichkeit durch Verteilung in halbwegs schützende Deckungen der Wirkung des rasenden Feuers zu entziehen. Auch dies bot Schwierigkeiten. Bei dem ungestümen Lärm und Getöse des Gefechts war es nicht möglich, Befehle durchzubringen, viele der Unterführer waren bereits gefallen oder verwundet, die Verbände völlig vermischt, an ein Durchkommen von Meldegängern war nicht zu denken.

So entschloss sich der Bataillonskommandeur Hauptmann von Lüneschloss im Laufe des Nachmittags die noch vorhandenen Reste, insbesondere der 9. und 11. Kompanie, von welcher Unteroffizier Wildegger Teile unter seine Führung genommen hatte, allmählich an sich heranzuziehen und in geeigneter Dekcung zu sammeln. Auch die 10. Kompanie konnte sich bei ihren großen Verlusten nicht mehr halten und zog sich langsam gegen den linken Flügel des Bataillons zurück, um sich dort einzugraben. Bei der 12. Kompanie waren Kompanieführer Oberleutnant Hagen und Offiziersstellvertreter Grießer verwundet, bei der 10. Kompanie war Kompanieführer Graf von Bassenheim infolge Erkrankung ausgeschieden und an seine Stelle Offiziersstellvertreter Mader getreten.

Der Einbruch der Dunkelheit ermöglichte es, die schwachen Reste der Kompanien aus dem Gefecht zu ziehen und beim Regimentskommando nahe Koelberg zu sammeln, damit sie im Laufe der Nacht wieder eingesetzt werden konnten.

Durch den heutigen Angriff war auch auf diesem Abschnitt die Front fast 1 km vorgerückt worden.

Die Nacht senkte sich auf das Schlachtfeld, das 349 tote Kameraden bedeckten. Den taktischen Erfolg des Tages, des letzten Tages der Schlacht an der Yser, bezeichnete in kurzen Worten der Abendbefehl, den der Regimentskommandeur Oberst List den Bataillonen bekannt geben ließ: „Feind aus allen seinen Stellungen geworfen, mehrere hundert Gefangene. Infanterie hält die errungenen Stellungen und gräbt sich dort ein. Unterstützung durch die 6. Reserve-Infanterie-Division bald zu erwarten.“

Der zweite und dritte Gefechtstag

Die Nacht zum 30. Oktober verbrachten die abgematteten durch Verluste stark geschwächte Truppe des I. Bataillons in den Schützengräben innerhalb der Straßengabel, die vom flackernden Schein der rechts drüben brennenden Ortschaft Becelaere erhellt wurden.

Noch fiebernd von den Anstrengungen dieses Kampftages und geschwächt durch den Mangel jeder Nahrungsaufnahme seit dem Morgen hüllte sich alles in die Mäntel, um sich gegen den am Abend eintretenden Regenschauer so gut als möglich schützen. Dazu wurde aus den rückwärtigen Gräben herbeigeschleppt, was zu finden war, Decken, englische Uniformmäntel, Stroh, und mancher Glückliche brachte eine schöne Büchse englischen Cornedbeefs oder ein Paket Keks. Erst spät gegen Mitternacht konnten die Feldküchen näher hinter die Front herangezogen werden, um uns mit warmer Kost zu versehen.

Die Führung des I. Bataillons wurde infolge des Heldentodes seines Kommandeurs am Abend des 29. Oktober vom Hauptmann Rubenbauer übernommen, wogegen Vizefeldwebel Hörstmann zum Führer der 4. Kompanie bestimmt wurde. Vizefeldwebel Thoma übernahm an Stelle des wegen schwerer Lungenentzündung kampfunfähig gewordenen Hauptmanns Pflaumer die 1. Kompanie. Die Reste des III. Bataillons, dessen Kompanien die ältesten Dienstgrade übernommen hatten, waren in der Nacht durch Hauptmann von Lüneschloss wieder in die Kampflinie am Straßenkreuz eingegliedert worden.

Wir lagen in folgender Stellung: I. Bataillon in dem Dreieck zwischen den Straßen nach Becelaere (rechts) und nach Ypern (links), die 3. Kompanie den rechten Flügel bildend, angelehnt an die Straße nach Becelaere; links rückwärts gestaffelt am Straßenkreuz das III. Bataillon. Eingerahmt war das Regiment rechts durch das württembergische Reserve-Infanterie-Regiment 248, links an der Straße nach Ypern durch das württembergische Reserve-Infanterie-Regiment 247 und das sächsische Regiment 105.

Für den 30. Oktober war im Befehl der 54. Reserve-Division folgendes angeordnet:

„Die Division einschließlich der in derselben kämpfenden Truppen, nämlich des 16. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments, des Reserve-Infanterie-Regiment 242, der II./Reserve-Feldartillerie-Regiment 53 und des Landwehr-Detachments Waxmann greift heute den ihr gegenüberliegenden Feind an und trägt den Angriff über Gheluvelt vor, nachdem der Angriff durch unsere Artillerie vorbereitet ist.

Es gehen zunächst vor: Gruppe Mühry, mit rechtem Flügel im Anschluss an die 53. Reserve-Division, mit dem linken Flügel im Anschluss an die Gruppe Bendler, im Abschnitt Südrand des Polygonwaldes – Linie Poezelhoek – Polderhoek.

Die Gruppe von Bendler hieran anschließend mit linkem Flügel aus der jetzigen Stellung gegen Chapelle hart südlich Gheluvelt; die Gruppe Waxmann hieran anschließend in der von ihr heute Nacht angenommenen Ausdehnung mit enger Fühlung an Gruppe von Bendler.

Behufs Vorbereitung des Angriffs durch die Artillerie beschießen, sobald Beobachtung möglich!

Divisionsreserve und Divisionsstab bleiben zunächst in Terhand.“

Die Fortsetzung des Angriffs war für den Morgen beabsichtigt. Der Angriffsbeginn verzögerte sich jedoch. Erst gegen 3 Uhr traf der Befehl ein, dass um 4 Uhr nachmittags unser III. Bataillon im Verein mit den 105er Sachsen zum Angriff der Yperner Straße entlang gegen Gheluvelt anzusetzen sei. Das I. Bataillon sollte den Angriff zunächst durch Feuer aus seiner Stellung am rechten Flügel unterstützen und zeitgerecht sich dem Vorgehen anschließen.

Pünktlich um 4 Uhr nachmittags traten die ersten Schützenlinien vom Straßenkreuz aus an und gewannen in kurzen Sprüngen einige hundert Meter Gelände. Doch auch hier zeigte sich die glänzende Beobachtung und Nachrichtenverbindung der Engländer, denn schon nach wenigen Minuten setzte ein so gewaltiges und scharf gezieltes Schrapnellfeuer ein, dass die Geschosse in dichtem Hagel über die vorgehenden Schützenketten niederprasselten und die Linien wie reife Garben unter der Sense des Schnitters fielen. Kriechend in den Ackerfurchen suchten die Schützen sich vorzuarbeiten, um einigermaßen Deckung gegen das wildtobende Feuer in den Heckenwällen zu finden und im geeigneten Augenblick wieder zum Sprung anzusetzen.

Auch links der Ypener Straße befanden sich unsere Nachbartruppen und Teile unseres III. Bataillons in schwerer Lage gegenüber der mit starken Feuerstellungen umgebenen Windmühle am Hang vor der Ortschaft Gheluvelt und dem vom Ortsrand heruntersprühenden Maschinengewehr- und Geschützfeuer.

Mit Aufopferung suchte unsere schwache Feldartillerie den Angriff vorwärts zu reißen, indem der Kommandeur des Reserve-Feldartillerie-Regiments 54, Oberst von Feucht, selbst im Galopp mit zwei Geschützen auf der Straße vorritt, die abwechselnd in Stellung gingen und die südöstlichen Häuser nebst dem Parkrand des Schlosses unter Feuer nahmen, dabei aber empfindliche Verluste erlitten.

Nun erhielt unser I. Bataillon durch Winkerzeichen von der Yperner Straße her Befehl, in das Gefecht vom rechten Flügel aus einzugreifen. Die 4. Kompanie wurde bestimmt, den Angriff zu beginnen.  Vizefeldwebel Hörstmann sprang mit dem linken Flügelzug aus den Gräben, erreichte mit geringen Verlusten die vorliegende Einmuldung und stieß dann gegen die Ypener Straße in kurzen Abschnitten vor, während die nächsten Züge in Abständen von 100 m folgten.

Als in der Befehlsübermittlung durch die Winker von der Ypener Straße her sich Missverständnisse ergaben, erbot sich Sergant Schnepp 4. Kompanie freiwillig, trotz des verheerenden feindlichen Feuers das offene Gefechtsfeld zu überspringen, was ihm unter hervorragender Kühnheit und Todesverachtung glücklich gelang.

Inzwischen traf durch Radfahrer-Ordonanz von rückwärts her der Befehl des Abschnittskommandos ein, den Angriff einzustellen und die Truppe nach Einbruch der Nacht in die Ausgangsstellungen  zurückzunehmen. Die Leitung war bei dem starken feindlichen Widerstand und der bereits eintretenden Dunkelheit zu der Erkenntnis gelangt, dass das Angriffsziel ohne unverhältnismäßig große Opfer heute nicht mehr zu erreichen war.

Gegen 6 Uhr abends wurde der Kampf abgebrochen.

Offiziersstellvertreter Brenner 11. Kompanie fand bei diesem Gefecht den Tod; die Zugführer Offiziersstellvertreter Böhm 9. Kompanie und Thiemann 10. Kompanie wurden verwundet.

Im Laufe des Abends wurde bekannt, dass die Truppen des bayerischen II. und XV. Armeekorps heute die englischen Linien bei Zandvoorde und Hollebeke links von uns gestürmt und diese Ortschaften in festen Besitz genommen hatten; noch weiter links hatte die 6. bayerische Reserve-Division die Stadt Messines erobert.

Da hierdurch der rechte englische Flügel stark zurückgedrängt war, wuchs bei unserer obersten Führung die Zuversicht, dass der englishcen Ypern-Armee doch noch eine entscheidende Niederlage beigebracht werden könne. Gewisse Anzeichen sprachen dafür, dass die Engländer schwer erschüttert seien: das Feuer auf Becelaere hatte aufgehört; der Gefechtslärm klang ferner und schwächer. Zudem hatte das links von uns bis Hollebeke vorgedrungene XV. Armeekorps dringend gebeten, Gheluvelt so rasch als möglich wegzunehmen, um seinem weiteren Vorgehen die rechte Flanke frei zu haben und nicht in Gefahr zu kommen, von Gheluvelt aus durch den Gegner flankiert zu werden. So entschloss sich die Führung, am kommenden Morgen unter Einsatz aller Kräfte den Angriff aufzunehmen, um die englische Stellung um Gheluvelt unter allen Umständen zu zerstrümmern.

In den Abendstunden traf denn auch der Befehl des Generalkommandos und der 54. Reserve-Division ein, der den Angriff für den 31. Oktober anordnete:

„Die links von uns eingesetzten Kräfte haben bereits Zandvoorde und Hollebeke genommen und sind im weiteren kräftig voranschreitenden Angriff in allgemeiner Richtung Ypern begriffen.

Die heutigen Erfahrungen haben erneut gezeigt, dass der Feind durch Artillerie nicht aus seiner Stellung herauszuschießen ist. Die Infanterie muss den Angriff durchführen, wobei einzelne Artilleriezüge bis in die Schützenlinien vorgezogen werden können. Schon die Nacht ist auszunützen, um im Verein mit den Pionieren und deren Hilfsmitteln die Hinidernisse vor der feindlichen Front zu beseitigen.

Die Division führt morgen den heutigen Auftrag weiter durch, nämlich Angriff gegen die Linie Eksternest – Chauseeknie südlich Eksternest und zwar erreicht die Gruppe Bendler im engen Anschluss an den rechten Flügel des XV. Armeekorps zunächst die Linie Plderhoek – Westrand von Gheluvelt, setzt sich dort fest, ordnet ihre Verbände, zieht Artillerie vor und wartet weitere Weisung ab.

Artillerie unterstützt den Angriff mit allen Mitteln. Vorziehen einzelner Geschütze unterstützt das Vordringen ihrer Gruppen; insbesondere ist bei Gruppe Mühry durch sofortiges Vorbringen von Geschützen noch während der Nacht in Gegend Reutel ein Niederkämpfen der dort gegenüber erkundeten feindlichen Flankierungsgeschütze zu gewährleisten. Die schwere Artillerie beschießt mit den Mörsern die Waldstücke bei Rechtgebeurgte und Polderhoek, mit den 10 cm Kanonen Ziele nach besonderer Erkundung. Divisionsstab befindet sich zunächst in Terhand, geht später nach dem Straßenkreuz nordwestlich Vieux Chien vor.“

Laut Korpsbefehl war angeordnet: „Allen Offizieren und Mannschaften ist bekannt zu geben, dass das Gelingendes Angriffs voraussichtlich die Hauptentscheidung des Feldzuges bringen wird.“

Eine Sorge bewegte uns alle: “ die bisherigen Erfahrungen hatten nicht gezeigt, dass unsere Artillerie die Kraft besaß, den Sturmtruppen den Weg zum restlosen Erfolg zu bahnen; sie war ja der feindlichen sowohl an Zahl wie an Munitionsvorrat unterlegen.

Es war 11 Uhr abends, als Oberst List in die Stellung des I. Bataillons kam, um sich über die örtliche Lage zu informieren. Allein und unbekümmert um das ständige Strichfeuer war er auf der vom Flammenschein erleuchteten Straße vorgegangen. Abseits der Gräben rief er die Führer zusammen: „Meine Herren, wir haben uns auf eine schwere Aufgabe gefasst zu machen! Noch vor Tagesanbruch soll der Sturm auf Gheluvelt gemacht werden. Am Morgen soll die Ortschaft bereits in unserer Hand sein! Was halten Sie davon?“

„Wenns gemacht werden muss, wirds gemacht“, erwiderte der Bataillonsführer. „Aber ich gestatte mir aufmerksam zu machen, wir stehen mit äußerst schwachen Kräften da, kaum ein Drittel des Bataillons. Wir haben keine Unterstützung mehr hinter der Front. Die Mannschaft ist erschöpft. Ich bin überzeugt, dass wir bei einem reinen Infanterie-Sturm auf die starken englischen Stellungen kaum einen Mann lebendig herausbringen.“

„Das ist auch meine Sorge. ich habe die gleiche Anschauung bereits nachdrücklich geltend gemacht, konnte aber nicht durchdringen. Ich werde nochmals versuchen, eine Verzögerung zu erreichen, bis die Artillerie wirksam vorgearbeitet hat. Heute Nacht um 12 Uhr ist Beratung am Straßénkreuz. Wenn Sie herüberkommen, wird sich über die Sache nochmals reden lassen; ob’s Erfolg hat, ist fraglich.“

Um Mitternacht 30./31. Oktober versammelten sich die Kommandeure, Adjutanten und nächstliegenden Offiziere der im Gefecht befindlichen Regimenter in dem kleinen Erdgeschoss des letzten Häuschens unmittelbar am Straßenkreuz bei Kruiseik zur Führerbesprechung, um über die Lage und Absichten der Führung für den kommenden Tag unterrichtet zu werden.

Oberst von Oldershausen als stellvertretender Abschnittskommandeur leitete die Besprechung ein: „Meine Herren, sind wir alle versammelt? …. Dann bitte ich achtzugeben! – Wie stehen wir jetzt? Wer steht in der Mitte?“

„I. Bataillon Regiment 16 Mitte zwishcen den beiden Straßen, 600 m vorwärts des Straßenkreuzes.“

„III. Bataillon links anschließend an der Ypener Straße.“

„Links davon Regiment 247 mit dem rechten Flügel an der Ypener Straße…“

„Gut! – Im Laufe der Nacht treten die Bataillone an, arbeiten sich unbemerkt an die englischen Stellungen heran – im Morgengrauen erfolgt der Sturm auf Gheluvelt…“

In diesem Augenblick machte sich eine lebhafte Bewegung in den hinteren Reihen bemerkbar – man hörte den Ruf „Bataillone…“

Der Oberst unterbrach: „Haben die Herren etwas zu bemerken?…“

Der Bataillonsführer I./16 trat vor: „Verzeihen Herr Oberst, es ist die Rede von Bataillonen. Wir in der Mitte haben keine Bataillone mehr, kaum eine regelrechte Kompanie. Die Mannschaft steht seit 48 Stunden im Gefecht, hat seit 3 Nächten nicht mehr geruht. Die Truppe ist erschöpft. Wir haben keine Infanterie-Reserve hinter der Front. Ich halte es für unmöglich, einen reinen Infanteriesturm ohne nachdrückliche Artillerievorbereitung auf die schwer verschanzten englischen Stellungen mit Erfolg durchzuführen.“

„“Unmöglich“ sagen Sie? – Es gibt kein Unmöglich! Wir sind Soldaten und müssen sterben können!…Also die Bayern wollen nicht angreifen?…“

„Daran ist es nicht! Aber die Verantwortung für die Truppe bestimmt mich, darauf aufmerksam zu machen, dass wir ohne starke Artillerie den Sturm nicht werden durchhalten können!“

„Von Verantwortung sprechen Sie? – Seien Sie beruhigt – Sie haben keine Verantwortung! Wenn der Befehl gegeben wird, dann trägt die Verantwortung der, der ihn gibt – und der wird sie zu tragen wissen! Sie haben nur die Verantwortung, dass der Befehl richtig ausgeführt wird!“…

Da erhob sich Oberst List langsam von seinem Sitz. Tiefer Ernst lag auf seinem Antlitz.

„Wenn ich dazu sprechen darf – auch ich bin der Anschauung, dass einem so schlauen und intelligenten und starkverschanzten Gegner gegenüber ein reiner Infanterieangriff, wenn nicht zum Misserfolg, so doch zu maßlosen Blutofern führen muss. Ich würde dringend bitten, noch im Lauf der Nacht schwere Artillerie einzusetzen und die Stellungen erst gründlich sturmreif schießen zu lassen, bevor wir mit Infanterie draufgehen – sonst sind die Reste meines Regiments auch verloren!…“

Eine Verzögerung des Angriffs ist ausgeschlossen. Gheluvelt muss morgen gefallen sein! – So ist der Befehl. Wir haben unsere Pflicht zu tun! Was noch geschehen kann, soll geschehen! Zeit darf nicht verloren werden!“

Es herrschte der Eindruck, dass die Mehrzahl der anwesenden Führer den geäußerten Bedenken innerlich zustimmte. Während die Ansichten hierüber noch gesprächsweise ausgetauscht wurden, erschien Oberst von Bendler, der Führer der Kampfgruppe, in der Versammlung, trat mit kurzem Gruß vor den Kreis und begann sofort an Hand der Stellungsskizze mit scharfpointiertem Ausdruck:

„Angriffsbefehl für den 31. Oktober:“

„Gegner steht auf den südöstlichen Vorhöhen von Gheluvelt, beiderseits der Ypener Straße, stark verschanzt.  Feindliche Reserven in Gheluvelt. Detatchment greift an. Mitte aus dem Straßenkreuz Bayern I. Bataillon 16, angesetzt auf die Mitte des Schlossparkes von Gheluvelt, rechts davon Regiment 248 auf den östlichen Teil des Schlossparkes, links im Anschluss an die Yperner Straße Bayern III. Bataillon und Württemberg 247, dann Sachsen 105.

Im Laufe der Nacht arbeiten sich die Bataillone auf nächste Entfernung an die englischen Stellungen heran! Seitengewehre aufgepflanzt! 6.30 Uhr tritt alles zum Sturm an. 6.40 Uhr sind die englischen Stellungen in unseren Händen! Vordringen durch Gheluvelt. Äußerste Vorsicht, weil vermutlich aus den Häusern geschossen wird. Jenseits der Ortschaft eingraben und weitere Befehle abwarten. Artillerie unterstützt nach Möglichkeit den Angriff durch Feuer auf Gheluvelt. Sanitätsdienst bleibt wie heute. Feldküchen sammeln auf der Straße nach Werwick bei der Ortschaft America. Befehlsstelle hier am Straßenkreuz; alle Meldungen hierher. – Ist alles klar?…“

Zweifel waren von keiner Seite veranlasst.

„Dann bitte ich die Uhren zu prüfen – gemeinsame Zeit 12.52. – Ich danke, meine Herren, gute Nacht!“ —

Oberst List nahm auf der nächsten Straße nochmals seine Offiziere zusammen. Bewegten Herzens gab er seinem Schmerz über die großen Verluste des gestrigen Tages Ausdruck, die ihm ungemein nahe gingen. „Sie haben gehört, meine Herren, was für morgen bevorsteht! Die Sache muss gemacht werden – Befehl ist Befehl! Gebe Gott, dass es gelingt! … Was gedenkt das I. Bataillon zu tun?“

Ich trete um 4 Uhr an, zwei Gefechtslinien zu je 2 Kompanien, linker Flügel Richtung auf das brennende Gehöft in der Mulde, von da auf die drei brennenden Strohhaufen auf der Höhe. 6.30 Uhr machen wir den Sturm.“

„Gut, ich bin einverstanden; ich werde mich um das Bataillon in der Nacht nicht weiter sorgen können, ich bin beim III. Bataillon. Ich verlasse mich darauf, dass die Sache so gut als möglich gemacht wird. Und senden Sie rechtzeitig Meldungen!“ –

Mit einem langen Händedruck allseits verabschiedet sich der Oberst – wer ahnte in diesem Augenblick, dass es der letzte sein sollte? Dann begab er sich mit Hauptmann von Lüneschloss zum III. Bataillon und traf dort die notwendigen Anordnungen.

Eine schwere Aufgabe stand uns bevor, dessen war sich jeder bewusst. Es waren Stunden, in denen man mit dem Leben abrechnete; bevor sich die Sonne erhob, sollten die Würfel gefallen sein – ob zum Guten oder Schlimmen, wer konnte es sage! – Doch das Pflichtgefühl hieß alle Bedenken schweigen.

Es war 1 Uhr vorüber, als die Führer wieder ihre Plätze erreichten. Noch war genügend Zeit, die nächst verfügbaren Feldküchen des Regiments 247 in die Nähe der Gräben vorzuziehen, die Mannschaften in der frostigen, feuchten Nacht mit heißem Kaffee zu stärken und dann ein paar Stunden ruhen zu lassen, bevor das ernste Tagwerk beginnen sollte. –

Unausgesetzt pfeifen und surren Infanteriegeschosse der Engländer über die Gräben hinweg; kaum wagt man, den Kopf herauszustrecken, obwohl man fühlt, dass die Geschosse viel zu hoch fliegen. Hin und wieder schlägt eine Granate ein und wift ihre Erdsäulen über die Gräben – manchmal ist es auch ein Blindgänger, der sich pfauchend in die Erde gräbt. Ihr Ziel ist aber mehr die Feldbatterie, die hinter uns drüben am Waldsaum steht.

Die Kompanieführer versammeln sich nochmals und empfangen ihre Weisung für den Angriff.

Um 4 Uhr morgens im tiefen Dunkel treten die Kompanien aus den Gräben; die Seitengewehre werden aufgepflanzt, die Feldflaschen in den Brotbeutel versorgt, damit das Geräusch vermieden wird, die Gewehre befehlsgemäß entladen. Es sollte ja kein unbedachter Schuss fallen und den Gegner aufmerksam machen.

In zwei Gefechtslinien durchschreitet das I. Bataillon, mit 1. und 2. Kompanie vorne, 3. und 4. dahinter, vorsichtig die vorliegende breite Ackermulde und steigt die leicht geneigten Hänge empor, abschnittsweise  immer wieder längere Horchpausen einschaltend. Gewehrfeuer streicht über die Köpfe hinweg. Bis etwa 150 Meter vor dem Rand des Schlossparkes tastet man sich vor. Geräuschlos legen sich die Linien zu Boden, um die Zeit zum Angriff abzuwarten. Mit der Uhr in der Hand liegen die Führer.

Um 6.30 Uhr geht das Zeichen zum Angriff durch. Lautlos brechen die Schützenlinien vor, erreichen fast ohne Verluste den englischen Stellungsgraben vor der Heckenumfriedung des Schlossparkes. Einzelne Gestalten, kleine Gruppen sieht man im Dunkel sich bewegen und verschwinden – wo ist der Gegner? Die Stellung war doch gestern Abend noch stark besetzt! – Hat der Gegner unser Vorhaben bemerkt?…Droht ein Hinterhalt?…Vorsicht!…

Zunächst wird der Graben besetzt und rasch zur Verteidigung eingerichtet. Vorgeworfene Postenketten übernehmen die vorläufige Sicherung. Gefechtspatrouillen suchen gegen den Schlosspark aufzuklären.

Meldung geht an das Regiment, dass das I. Bataillon die Stellung vor dem Schlosspark erreicht hat. Das Regiment befiehlt, die Stellung bis zur weiteren Entwicklung des Angriffs als rechten Flügelstützpunkt zu halten.

Es wird 7 Uhr..Blutrot beginnt im Osten der Tag aufzuleuchten. – Was ist’s mit dem Generalsturm?…6.40 Uhr sollte doch Gheluvelt in unseren Händen sein…

Nichts regt sich weit und breit. Dumpf dröhnen die Geschütze aus dem Polygonwald.

Als das anbrechende Tageslicht den Überblick über das Angriffsfeld gestattet, zeigt sich, dass der Raumgewinn der linken Anschlusstruppen, III. Bataillon und Württemberger, nicht im gleichen Maß vorgeschritten war. Was war der Grund für diese Verzögerung.

Im Morgengrauen hatte sich der Kommandeur des XV. Armeekorps General von Deimling mit General von Schäfer zum Beginn des Angriffs vorbegeben und die Kommandeure zu einer Besprechung am Straßenkreuz bei Kruiseik berufen. Der scharfen Beobachtung der Engländer war die große Versammlung, obwohl anscheinend gegen Sicht gedeckt, nicht entgangen, und nach kurzem fielen die Granaten mitten in die versammelten Führer. Der Kommandeur des Reserve-Infanterie-Regiment 247 Oberst von Bendler und der Artillerieführer Oberst von Feucht, wurden so schwer verwundet, dass sie bald darauf ihren Verletzungen erlagen; ihre beiden Regimentsadjutanten fielen. General von Deimling und mehrere Offiziere trugen leichte Verwundungen davon.

Endlich gegen 8 Uhr kommt drüben die Bewegung in Fluss. Schritt für Schritt geht jetzt der Angriff vorwärts. Truppen von drei Regimentern arbeiten sich heran, von dem festen Willen beseelt, heute unbedingt den entscheidenden Erfolg zu erkämpfen. Die englische Artillerie setzt wütend ein, um sich den Gegner vom Leib zu halten. Die Verluste wachsen unter dem gewaltigen Feuer, das der Feind aus Geschützen und Maschinengewehren den Angreifern entgegenschleudert. In den Hecken lehnen und knieen sie, von den Geschossgarben niedergemäht – aber immer wieder füllen sich die klaffenden Lücken mit frischen Kämpfern. Schwer macht sich der Munitionsmangel unserer Artillerie fühlbar, die dem Angriff keine wirksame Unterstützung bieten kann.

In zähem Ringen vergeht der Vormittag. Eine grausige Schlachtenmusik, ein wahres Höllenkonzert erfüllt das Schlachtfeld. Das Heulen, Zischen, Krachen der schweren geschosse aus den englischen Schiffsgeschützen, die beständig zwischen den Kampflinien bersten, das Rollen der Maschinengewehrsalven und das Knattern der Infanteriewaffen, – so steigert sich das Feuer vom heftigen Gewitter zum rasenden Sturm, zum unheimlichen Orkan. Reihen stürzen vor – prallen wieder zurück, brechen in sich zusammen – ist’s nicht Wahnsinn in diesem Feuer vorzudringen? – und neue Wellen schieben ein. – So wiederholt es sich stundenlang. – Unerträglich wird die Spannung, alle Reserven sind bereits eingesetzt. Endlich 3 Uhr nachmittags wird der erste Stützpunkt des Gegners, die Windmühle am Südhang der Ortschaft, die soviel zu schaffen macht, von unserer eingreifenden schweren Artillerie unter Feuer genommen, scharf erfasst und mit wenigen Volltreffern zertrümmert. Das ist der Wendepunkt – der Weg ist frei! Schlag auf Schlag fallen jetzt die schweren geschosse. Damit ist das Signal zum allgemeinen Sturm gegeben. Heraus aus den Stellungen! Los auf den Feind!

In dichten Wellen brechen die Württemberger und Sachsen mit unserem III. Bataillon durch die Hecken vor, stürmen über die Windmühle hinweg und im Sturmlauf gegen den Ortsrand heran. Einen Augenblick verstummt das feindliche Feuer – es ist wie ein tiefes, unheimliches Atemholen – dann setzt es mit verstärkter Wucht ein – ein einziger feuerspeiender Rache – doch man musste vorwärts – vorwärts! Da im kritischen Augenblick ertönt plötzlich das Sturmsignal der Hornisten auf der ganzen Kampffront! Die Tornister werden abgeworfen – alles reißt sich empor, schließt sich zusammen, Bayern, Sachsen, Schwaben – es gibt kein Halten mehr – nur vorwärts! ein tausendstimmiges Hurra dröhnt über das Schlachtfeld, ein einziger gewaltiger Siegesschrei – und wie eine wilde Brandung werfen sich die Sturmwellen in die Ortschaft! – Gheluvelt ist unser! –

Das Kampfgelände an der Ypener Straße ist mit Gefallenen und Verwundeten bedeckt, ein unbeschreibliches Durcheinander und ein wilder Lärm in der Ortschaft. Ein kurzer Häuserkampf entspinnt sich, dann räumt der Feind den Ort.

In dieser Stunde war unser Regimentskommandeur Oberst List in der vordersten Gefechtslinie inmitten des III. Bataillons, im dichten Feuer zum Angriff mit vorgegangen. Als die Zugführer ihn baten, sich nicht so der Gefahr auszusetzen, tröstete er sie mit den Worten: „Habt keine Sorge um mich! Solange ich solche Unteroffiziere habe, ist es um mich nicht gefehlt!“ – Beim Einbruch in den Schlosspark von Gheluvelt fand auch er den Heldentod.

Wie ein erschütternder Schlag wirkte die Meldung von dem Verlust des trefflichen, beliebten Führers auf die Truppe. Wusste doch jeder, wie tief er selbst den Tod nicht fürchtete, von der Verantwortung für das Leben seiner Truppe erfüllt war, wie nahe seinem Herzen die schmerzlichen Verluste gingen, die abzuwenden nicht in seiner Macht gelegen war! Hatten wir ein Recht, uns zu schonen, wenn der Kommandeur selbst sich opferte?

Seine Leiche wurde noch in den Abendstunden im Park Gheluvelt geborgen Dort blieb sie unter einem Baum gebettet liegen, bis ihr am 7. November durch das Aufräumungskommando des Reserve-Infanterie-Regimentes 247 unter Oberarzt Dr. Lebküchner und Sanitätsfeldwebel Hans Burger am Ufer des kleinen Sees nahe dem Schloss Gheluvelt ein ehrenvolles Begräbnis bereitet werden konnte. Sein Name bleibt in der geschichte des Regiments für immer geweiht!

Schwer verwundet schieden aus dem Gefecht der Kommandeur des III. Bataillons Hauptmann von Lüneschloß, dem ein Geschoss das Gesicht zerrissen hatte und sein Adjutant Leutnant Herterich. Der Regiments-Adjutant Leutnant Schnitzlein, der beim Morgengrauen eine Anzahl Versprengter gesammelt ins Treffen geführt hatte, war dabei durch Granatschuss schwer verwundet worden. Eine reiche Beute hatte der Tod in den Reihen des III. Bataillons gehalten; die Züge hatten ihre Führer verloren, von den Unteroffizieren waren nur mehr einzelne vorhanden; die Kompanien hatten wieder einen Teil ihres Bestandes eingebüßt.

Glücklicher war an diesem Tage das I. Bataillon, das den Tag über in seiner am Morgen genommenen Stellung vor dem Schlosspark als rechter Flügelschutz befehlsgemäß liegen geblieben war, jeden Augenblick bereit, zur Entscheidung einzugreifen. In den Nachmittagsstunden wurde es mit einem wilden Schrapnellfeuer der englischen Artillerie überschüttet, sodass die Pulverschwaden die Gräben füllten. Man lag in die vorderen Grabenwände geschmiegt und ließ den Eisenhagel darüber hinwegbrausen, Lediglich die 2. Kompanie, die sich im Laufe des Vormittags am linken Flügel des Bataillons nahe an den Ortsrand herangearbeitet und dort im ständigen Flankenfeuer ausgehalten hatte, meldete eine Anzahl Verwundeter.

Allmählich gegen Abend verebbte das Feuer – eine sternklare Nacht zog herauf. Die Ruhe der Erschöpfung lag über dem weiten Feld.

Glänzend hatte die Truppe gefochten; ungeheuer waren aber die Opfer, die dieser Sturmtag gefordert hatte, insbesondere auch bei dem Württemberger Regiment 247, das die meisten Offiziere und fast alle Zugführer verloren hatte. Musste der Gewaltakt dieses Angriffes vollzogen werden, bevor die überaus starke Stellung des Gegners durch die Artillerie in längerer Vorbereitung zermürbt, erschüttert, sturmreif gemacht war? Hatte der taktische Gewinn die gewaltigen Opfer gerechtfertigt?…Die Frage soll nicht entschieden werden.

Allenthalben machte sich in der Truppe starke Erschöpfung fühlbar. War auch die Stimmung unter dem Gefühl des errungenen Erfolges gehoben, so zehrten doch die Anstrengungen der drei Kampftage und der Mangel an Verpflegung an der körperlichen Kraft. Gleichwohl konnte der Mannschaft nicht allzuviel Ruhe gegönnt werden. In kurzen Ablösungen musste während der Nacht das Vorfeld durch Patrouillen abgestreift werden, um uns vor Überraschungen zu sichern, ständige Wachsamkeit war auch in den Feuerstellungen notwendig. Zudem musste die Nacht benützt werden, um die Abteilung wieder in Ordnung zu bringen, neu einzuteilen und die Befehlsverhältnisse nach dem Ausfall so zahlreicher Führer neu zu regeln. Musste man doch für den nächsten Tag auf weitere Kämpfe gefasst sein.

Unerwartet, aber umso freudiger begrüßt erschien um Mitternacht eine Gruppe unserer braven Feldküchenleute, die unter Führung der Kompanie-Feldwebel sich aus eigenem Antrieb entschlossen hatten, ihre Kameraden in der Kampflinie aufzusuchen und ihnen Stärkung zu bringen. Einige Säcke Speck mit Zwieback, ein halber Becher Kaffee für den Mann – auch ein paar Flschen Wein – war es auch nicht viel, man war doch herzlich dankbar und zufrieden.

Die Nacht verlief ohne besondere Ereignisse. Nur das feindliche Schrappnellfeuer streute ohne Unterbrechung über unsere Stellung hinweg.

Auf die Meldung unserer Patrouillen, dass seitwärts in den umheckten Weideplätzen eine Anzahl Toter von uns liege, machte sich vor Tagesanbruch ein kleines Kommando unter Führung von Vizefeldwebel Hörstmann auf, um die Leichen, die von den Abendkämpfen des 29. Oktober noch drüben lagen, zu beerdigen. Einige tiefe Granatlöcher wurden zu gemeinsamen Gräbern gestaltet und die Toten unter kurzem, pietätvollen Gedenken zur ewigen Ruhe gebettet.

800 Gefangene hatte das XXVII. Reservekorps, in dessen Reihen wir fochten, am gestrigen Tage gemacht, 3 Geschütze und 1 Maschinengewehr erbeutet.

Allerheiligen

Mit Anbruch des 1. Novembers, eines glanzvoll sonnigen Allerheiligentages, sollte die Verfolgung des zurückgeworfenen Gegners fortgesetzt werden.

Eben begann der Morgen zu grauen, als ein Meldegänger der Württemberger folgenden Befehl von Oberst von Hügel, Kommandeur des Reserve-Infanterie-Regimentes 248 überbracht: „Ich übernehme die Führung des Detachements rechts der Gheluvelter Hauptstraße. Der Angriff wird heute fortgesetzt. Bayerisches Regiment 16 mit dem linken Flügel im Anschluss an diese Straße, rechts davon Regiment 248. Angriffsrichtung für Regiment 16 über Schloss Gheluvelt gegen die Bahnlinie Gheluvelt – Poezelhoek. Die zwischenliegenden Waldstücke sind vom Gegner zu säubern. Meldungen nach Schloss Gheluvelt. Heute ist die Entscheidung der mehrtägigen Schlacht zu suchen.“ –

Unsere beiden Bataillone traten sofort in Gefechtsgliederung. In zwei Gefechtslinien formiert durchschritten das III. Bataillon unter Hauptmann Butterfass links, das I. Bataillon unter Leutnant Schmidt rechts den Schlosspark, der vom Gegner bereits geräumt war, jedoch unter heftigem Artilleriefeuer lag. Die Führung des Regiments hatte nach dem Tode des Obersten List auf dem Schlachtfeld am Abend des 31. Oktober Hauptmann Rubenbauer übernommen.

Schon bei Eintritt in den Schlosspark waren wir auf ein kunstvoll angelegtes und ausgebautes System von  verlassenen englischen Schützengräben gestoßen, die noch eine Fülle von Vorräten und Geräten aller Art enthielten, große Behälter mit Infanteriemunition, Generalstabskarten, Entfernungsmesser neuester Konstruktion, Gummimäntel, Fernsprechgeräte, daneben Lebensmittel in großen Mengen, Cornedbeefs und Marmeladen, Butterdosen und Kisten voll Keks, Tabak und Zigarren, Teepakete und feine Liköre. Was ohne Verzögerung greifbar war, wurde mitgenommen und ging von Hand zu Hand, dem eigenen Mangel abzuhelfen; waren wir doch arme Schlucker gegen diesen üppigen Reichtum!

Ein wüstes Bild der Zerstörung bot der einst so prächtige Park. Wie hatten hier die englischen Granaten gestern Abend gewütet! Kaum ein Baum der ausgedehnten Anlage war verschont geblieben. Überall gebrochene Stämme, zerschossene Gipfel; das herrliche Gewächshaus, die grätnerischen Kunstanlagen völlig vernichtet; die Parkwege eingesäumt mit toten Engländern, daneben Dutzende von Gefallenen unseres III. Bataillons, das gestern Abend noch in den Schlosspark eingedrungen war.

Im oberen Teil lag am Fuß von drei abgeschossenen Tannen die Leiche unseres tapferen Regimentskommandeurs, barhäuptig, mit dem Feldmantel bedeckt. Darüber hing die Feldmütze auf einem Baumstumpf.

Das Schloss selbst zeigte nur geringe Beschädigungen, wurde aber in den folgenden Tagen von der feindlichen Artillerie in Ruinen verwandelt.

Jenseits des Parkes stießen wir auf den Ortsfriedhof mit der Kirche. Hier die gleiche Verwüstung. Der Friedhof ein Trichterfeld, die Grabsteine ausgehoben, zerbrochen und durcheinander geworfen, teilweise sogar durch die zertrümmerten Fenster in die Kirche geschleudert; die Umfassungsmauer niedergelegt.

Dabei krachte es fortgesetzt ringsum vom Einschlag der Granaten; Bäume splittern, Steine und Erdbrocken wirbeln durch die Luft, ein erstickender Schwefeldampf umhüllt uns und benimmt uns den Atem. Wir müssen durch! Und wir kamen auch glücklich durch, bis der Schlosspark hinter und lag.

Als im Laufe des Vormittags der erste Angriffsabschnitt an der Bahnlinie erreicht war und gleichzeitig die Württemberger sich in die Kampflinie eingeschoben hatten, erreichte uns der befehl der 6. bayerischen Reserve-Division, dass das Regiment 16 im Laufe des heutigen Tages aus dem Gefecht zu ziehen sei und in Werwick zu sammeln habe.

Daraufhin erging sofort Befehl an die beiden Bataillone, sich in der vorderen Stellung als dritte Linie einzuordnen, um am Abend ohne Beeinträchtigung der Front herausgenommen werden zu können.

Zu einer näheren Berührung mit dem Gegner kam es an diesem Tage nicht mehr. Gheluvelt lag bereits in unserem Rücken und war fest in unserem Besitz.

Um 9 Uhr abends lösten sich die Kompanien unter dem Schutz der Nacht aus der Gefechtslinie, sammelten im Schlosspark und marschierten unter Vermeidung der feuergefährdeten Straße bis an das Straßenkreuz zurück, um von dort auf die Straße nach Werwick abzubiegen. Als die Feuerzone hinter uns lag, wurde bei der Ortschaft America ein einstündiger Halt eingelegt und die Truppe aus den feldküchen, die uns auf dem Rückmarsch erwarteten, mit frischer Kost verpflegten. Dann ging es gegen Mitternacht flott nach Werwick hinein in der Hoffnung, dass uns ein paar Tage wohlverdiente Rast beschieden sein würden!

Das II. Bataillon bei Becelaere.

Seine eigenen Schicksale hatte das II. Bataillon während der Kampftage vom 29. Oktober bis 1. November 1914.

Ihm war der Auftrag zuteil geworden, in der Nacht vom 28./29. Oktober, getrennt vom Regiment, über Terhand gegen Becelaere vorzumarschieren und sich der dort im Gefecht liegenden 54. württembergischen Reservedivision für den bevorstehenden Angriff zur Verfügung zu stellen.

Die Gruppe Mühry hatte in der Nacht vom 27./28. Oktober einige englische Laufgräben überrannt und die Osthäuser von Poezelhoek besetzt. Am Nachmittag war ein erneuter Vorstoß des Reserve-Infanterie-Regiments 245 gegen den westlichen Teil von Poezelhoek durch den Gegner abgewiesen worden. Die englische Artillerie hatte dabei ein Munitionslager von 150 Mörsergeschossen durch Volltreffer zwischen Windmühle bei Dadizeele und Terhand zur Explosion gebracht.

Mit unserem II. Bataillon waren gleichzeitig zwei bayerische schwere Feldhaubitzen der Gruppe Myhry für den Angriff am 29. Oktober zugeteilt worden. Die Stimmung war ernst, aber zuversichtlich.

Etwa um 6 Uhr morgens traf das Bataillon unter Major Brugger vor Becelaere ein, wo es von sächsischen und württembergischen Offizieren erwartet und im Morgengrauen über den Grund des Remtelbaches gegen die englischen Stellungen herangeführt wurde.

Leider blieb wenig Zeit zu einer eingehenden Instruktion über die Gefechtslage, sodass das Bataillon in ziemlicher Unkenntnis von der feindlichen Stellung am Waldrand bei Poezelhoek eintraf.

Gleich beim Verlassen des Waldrandes wurden die ausgeschwärmten Kompanien von heftigem Infanteriefeuer empfangen. Zuerst wurde neben dem rechten Flügel des württembergischen Reserve-Infanterie-Regiment 245 unsere 5. und 8. Kompanie mit Angriffsrichtung auf Poezelhoek-West eingesetzt, bald darauf, als Flankenfeuer von links kam, auch die 6. und 7. Kompanie.

Der Zug Haugg der 8. Kompanie erhielt Befehl, den Gegner vor der Ortschaft Poezelhoek anzugreifen; Zug Martin 8. Kompanie sollte die Häuser links davon stürmen, um Flankenfeuer von links zu verhindern.

Obwohl am Morgen angesagt worden war, dass die englischen Stellungen stark erschüttert seien und dem Angriff nicht mehr standhalten würden, bestätigte die Erfahrung das Gegenteil.

Mit ungebrochener Feuerkraft spieen die Maschinengewehre ihre Salven über die im Sprung vorgehenden Schützengruppen, die in freien Rübenäckern nichts als die Furchen zur Deckung fanden und den Spaten liegend zur Hand nehmen mussten, um notdürftige Löcher zu schaffen. Die dicht gelagerten Granatsalven rissen reihenweise Lücken in die Kampffront und zwangen die Truppe immer wieder zum Ausweichen nach vorwärts, ohne dass die feindlichen Stellungen unter längeres wirksames Feuer genommen werden konnten. Dabei war vom Feind fast nirgends etwas zu sehen; denn die Engländer hatten ihre Verteidigungslinien mit allen Mitteln der Feldbefestigung angelegt, teilweise sogar mit mehreren Staddeln überhöht hintereinander, mit Stämmen und Brettern ebgedeckt und darauf frische Rüben gepflanzt, sodass man die Befestigung oft nicht einmal sah, wenn man schon farauf trat. Das machte den Kampf außerordentlich schwierig und verlustreich und legte sich drückend auf die Stimmung der Truppe, die sich ohnmächtig dem rasenden Verderben ausgesetzt sah.

So kam der Angriff gegen Mittag allmählich ins Stocken und fand schließlich etwa 200 m vor den englischen Stellungen ein Ende.

Die Abteilungen gruben sich im freien Feld ein und hielten den Rest des Tages über in dem englischen Granaten- und Schrapnellfeuer in zäher Ausdauer stand, ja es wurden sogar durch Einzelvorstöße nich die der Ortschaft Poezelhoek südlich vorgelagerten Häuser genommen.

Da auch die württembergischen Regimenter sehr stark gelitten hatten, wurden am Abend nur durch den Kommandeur des Reserve-Infanterie-Regimentes 246 Truppenverstärkungen angefordert. Eine Kompanie Marburger Jäger wurde darauf vom Generalkommando nach Becelaere in Marsch gesetzt. Die Nacht verlief ruhig.

Unverhältnismäßig groß waren die Verluste , die dieser erste Gefechtstag dem Bataillon gekostet hatte. Nicht minder hart wie die Truppe, waren die Führer betroffen worden. Bataillonskommandeur Major Brugger hatte einen Schuss in den Oberarm erhalten, blieb aber gleichwohl noch im Gefecht. Die Führer der 5. und 6. Kompanie Oberleutnant Loy und Oberleutnant Henle trugen tödliche Verwundungen davon, denen sie wenige Tage später, letzterer im Feldlazarett Dadizeele, erlagen. Verwundet waren Kompanieführer Oberleutnant Laudenbach 8. Kompanie, die Offiziersstellvertreter Thanner 7. Kompanie, Arends und Haugg Georg 8. Kompanie.

Bei der Fortsetzung des Angriffs am 30. und 31. Oktober wurde Oberleutnant Engelbrecht, der Führer der 7. Kompanie, zu Tode verwundet, Leutnant Götz 5. Kompanie, Offiziersstellvertreter Huber 6. Kompanie und Glunk schieden durch Verwundung aus.

Von den Mannschaften war nach diesem Tag noch etwa ein Drittel der ehemaligen Gefechtsstärke vorhanden. Die Verbandplätze waren mit Verwundeten überfüllt.

Von den Offizier-Stellvertretern Oberer, Wimmer, Scharnagel und Martin wurden die Reste des Bataillons gesammelt und am 31. Oktober abends den nächstliegenden Truppen der Württemberger Brigade (Reserv-Infanterie-Regimenter 245 und 246) zugeführt.

Das Bataillon blieb für die nächsten Tage noch im Verband der Württembergischen Brigade Mühry und machte bis zum 3. November die weiteren Angriffe gegen den Park bei Poezelhoek mit, wobei mäßige Verluste eintraten. Die 7. Kompanie verlor am 1. November den Kompanieführer Offiziersstellvertreter Scharnagel durch Verwundung; Vizefeldwebel Schmidt trat an seine Stelle.

Endlich am 4. November abends wurde das Bataillon herausgezogen, in die Reserve des Reserve-Infanterie-Regiments 245 zurückgestellt und am 5. November unter Führung des einzigen vorhandenen Offiziers, des Bataillons-Adjutanten Oberleutnant Witt über Gheluwe nach Comines zum Anschluss ans Regiment in Marsch gesetzt.

Für die Gefechtsleitung des Bataillons sprachen die württembergischen Kommandeuere und die 54. Reserve-Division wiederholt ihr vollstes Lob aus und gaben ihre Anerkennung für das tapfere Verhalten der Bayern bei jeder Gelegenheit Ausdruck. „Wenn ich gewusst hätte, dass diese Bayern so drauf gehen, dann hätte ich sie nicht auch noch ermuntert“, sagte der württembergische Oberst.

Rühmend darf auch die opferwillige Tätigkeit der Verpflegungsmannschaft erwähnt werden, die ungeachtet des starken Artilleriefeuers, das fast ständig auf der Straße Terhand – Becelaere lag, täglich während der Nacht die Feldküchen, mitunter sogar bis nahe an die Schützengräben vorzog, um den kämpfenden Truppen Stärkung zu bringen.

Der Truppenverbandplatz für das Bataillon war durch den Bataillons-Arzt Dr. Dix und Unterarzt Dr. Wengler in der bereits stark zusammengeschossenen Ortschaft Becelaere errichtet worden. Bei der steten Gefahr der Artilleriewirkung wurden die Verwundeten in einem Keller untergebracht und während der Nacht in die zurückliegenden Feldlazarette in Dadizeel und Cheluwe verbracht. Als tüchtige Kraft stand den Ärzten der Sanitätsgefreite Seibold zur Seite, der nicht nur die Verpflegsmittel für die verwundeten Kameraden aus den verborgendsten Winkeln der Ortschaft beizubringen wusste, sondern häufig unter Lebensgefahr das Gefechtsfeld nach Verwundeten absuchte und manchem Kameraden das Leben rettete, Was überhaupt dem Opfermut unserer wackeren Sanitätsmannschaften und Ärzte in diesen Kämpfen zu danken ist, das würde ein eigenes Kapitel des Gefechtsberichtes füllen; ihnen, die wehrlos im Feuer standen und in kameradschaftlicher Treue ihre schwere Pflicht taten, gebührt nicht weniger Ruhm als den Waffenträgern.

Einzeltaten

Es wäre am Platz, vieler Einzeltaten zu gedenken, vieler Beweise persönlichen Mutes und Tatendranges, die so recht den Geist der jungen kampfbegeisterten Truppe aus ihren ersten Gefechtstagen kennzeichnen. Mancher Führer könnte, wenn er noch lebte, davon erzählen; nur zu vieles ist der Überlieferung für immer verloren gegangen, vereinzelte schriftliche Niederlegungen sollen erwähnt werden.

Vizefeldwebel Hender (gefallen 17.1.1915) war es, der am 31. Oktober während des Angriffs auf Gheluvelt mit einem Zug der 9. und 12. kompanie trotz verheerenden Gegenfeuers einen englischen Schützengraben rechts von der stark verschanzten Windmühle innerhalb der Ortschaft kurzentschlossen überrumpelte und im Sturme wegnahm.

Infanterist Fleischmann Georg 10. Kompanie zeichnete sich dadurch aus, dass er im gleichen gefecht allein einen englischen Arzt und zwei Engländer gefangen nahm.

Dem Gefreiten Joseph Lohner 11. Kompanie gelang es am 31. Oktober morgens im Verein mit 12 Mann durch geschickte, mutige Führung und erfolgreich angesetztes Flankenfeuer die Gefangennahme von 150 Engländern zu bewirken. Als die Gefangenen auf der Yperner Straße zum Abtransport gesammelt waren, richtete die englische Artillerie ihr Geschützfeuer auf die Kolonnen und tötete eine Anzahl ihrer eigenen Leute.

Als gewandte und furchtlose Patrouillenführer und Meldegänger taten sich die Kriegsfreiwilligen Nießl, Postenrieder, Sandner, Haberstock und Schloß 4. Kompanie hervor, die sich freiwillig für wichtige Aufträge meldeten und sie mit Mut und Geschick erledigten; mehrere von ihnen trugen bei der Ausführung von Erkundungsgängen erhebliche Verwundungen davon.

Vizefeldwebel Seelbach 6. Kompanie und Infanterist Karl Bauer 8. Kompanie ließen sich trotz stärksten Geschützfeuers nicht abhalten, fortgesetzt die Verbindung mit den Stelephonstellen zu vermitteln, wodurch der Leitung wie der Artillerie in vorteilhaftester Weise gedient und viel zum Erfolg beigetragen wurde.

Bei der 10. Kompanie hatten sich im gefecht der Offiziersaspirant Eichenbach, der Gefreite Mayer, die Infanteristen Rau und Strobelberger, bei der 1. kompanie Unteroffizier Lachner, Herz und Weil durch kaum zu übertreffende Unerschrockenheit, Tapferkeit und selbständiges Handeln hervorgetan.

Sind das nur wenige Einzelfälle, die aus der großen Zahl ähnlicher hervorgehoben werden, so zeugen die doch, welches Maß an Selbständigkeit, Unternehmungslust und Kampfeifer der Truppe innewohnte.

Mitkämpfer erleben die erste Schlacht. Alarm!

Aus lähmender Müdigkeit riss es alle empor. Anknallende Befehle brachen ins versunkene Bewusstsein: Ja, wir…Soldaten! Front…Alarm! Alarm!

Schreie flogen keuchend von Haus zu Haus. Türen barsten vor wimmelnden Menschen, Fenster klirrten in stampfendem Lärm. In Schlaf zerflossene Männer rissen sich zusammen. Es zerrte jeden aus dem Stroh, schüttelte ihn, stieß ihn vor die Brust, dass er verworren aufschrie. Blendlaternen schossen grelles Licht. Tornister wurden gepackt, Gewehre gesucht.

Schreien und Schimpfen. Übereinander stürzten wir die hölzerne Treppen hinunter.

Ich stand auf der Straße, schlafend fast, im Gedränge der Soldaten. Die Kälte wuchs aus dem Boden. Der Mond schwamm in breitem, strahlendem Hof über den schwarzen Straßenschluchten. Alles sahen ihn. Dann fielen ihre Köpfe dumpf auf die Brust, geschlossenen Auges, im engen Trott die friedenden Leiber zusammengehalten, schwankten sie gebogenen Knies über das hallende Pflaster.

Kompanie stieß zum Bataillon. Bataillon zum Regiment. Reiter. Schütternde Batterien. Trab und Tross. Kraftwagen zwitscherten durch spritzenden Dreck. Auf allen Straßen brauste der Heerzug gegen Nordwesten.

Noch gab es Lächeln, Singsang und Zurufe. Dann versank wieder alles im rauschenden Lärm der dahinziehenden Truppen.

Die Stadt war schon weit zurück, als ein brandiger Morgen sich über die grauen Wolken warf und über der verwachsenen Landschaft ein ungewisser Tag heraufzitterte.

Eine wandernde graue Mauer; Staub und Schweiß. Regen setzte jetzt aus überreifen Wolken. Hitze des Oktobers taute durch den Dunst.

Das Regiment stieß vorwärts. Schwenkte, in torkelnder Rast von Fahrzeugen zerworfen, in die Division ein. Marschierte. Kippte, von rasselnder Artillerie überholt, in Graben und Acker. Marschierte. Zäh rann die Straße weg unter holpernden Stiefeln. Endlos stieß sie in die flandrische Ebene. Vorn spie die Front. Man zog über die zornzitternden Flanken des Ungeheuers.

Einer zuerst, mit irren Worten, brach klirrend zusammen. Jetzt zwei. Und wieder einer. Mäuler schnappten aus rotverquollenen Gesichtern.

Der Abend blinkerte in trägen Kanälen. Schwere Kähne schwankten, lässig und ohne Dienst. Rote Ziegelhäuser engten die Straße. Reiter, die hemdärmelig ihre Pferde putzten, ließen uns aus ihren Trögen trinken. Ich sah noch alles, aber ich hatte keine Gedanken mehr. Wir rückten über die belgische Grenze.

Eine zerschossene Stadt hob ihre Herrlichkeit aus der Dämmerung, wie einen zerrissenen Königsmantel. Fenster schauten in die fallende Nacht, glanzlos und stier. Um die Türme der Kathedrale schwang sich berauscht der duftende Herbst. Der Himmel frischte auf; Wolken entblätterten leicht wie Rosen.

Wir marschierten in die Stadt, die vollgepfercht war von Truppen und Tross. Ob wir hier Quartier bezögen? Schnauzbärtige Landwehr, die Hände in den Hosentaschen, lachte uns aus. Wo wir denn hinsollten? Sie zuckten die Achseln. Ein Leichtverwundeter, mit finsterem Gesicht auf einem Krümperwagen hockend, schrie mit bösem Lachen „Ypern!“ herüber.

Ypern! Das Wort schlich durch die Reihen, formte sich auf den Lippen, schwer wie Zauberspruch. Unser Tod wird der Tod von Ypern sein…

Am Ausgang der Stadt hielt der Oberst mit seinen Offizieren. Es war nur mehr ein Schattenriss, schwarz vor der Röte der Front, gegen die er unbewegt den Arm gestreckt hielt.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir noch marschierten. Einer hielt Fühlung mit dem anderen und schlief im Gehen. „Halt!“ Es schwankte durch die Kolonnen wie ein Rausch. Die Züge prallten aufeinander, zerstießen sich und fielen zäh, zermürbt von Müdigkeit.

Dr. Eugen Roth

 

Einer der 12. Kompanie – Die bange Nacht

Die Leute wurden immer zutraulicher. Zuerst hatten wir nur den Bauern gesehen, und der kam, weil wir ihm eine Kuh geschlachtet. Die Knechte hatten wir auf dem Futterboden über dem Rossstalle entdeckt. Hätte ihnen übel bekommen können, wenn wir ängstliche Naturen waren; denn unter ihnen machten wir Quartier für unseren Kompanieführer Hagen. Und jetzt war die ganze Familie noch in später Nacht um uns Soldaten versammelt in der geräumigen Bauernstube, selbst des Bauers Bub und Mädel. Lustig flackert das Herdfeuer, die Bäuerin, eine trutzige Flämin, setzte Topf um Topf voll schwarzen Kaffees ans Feuer des Kamins; ein Dutzend Feldgraue trank Schale um Schale. Mancher seinen letzten Trunk. Sie wollten nichts nehmen die Bauersleute, doch gab jeder gerne einen Sou oder Doppelsou für die Schale. Das Geld bekam hernach alles der Junge, wie er mir sagte; drum schürte er auch das Feuer, dass es nur so